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Nachrichten aus Kaliningrad Nr. 2 - Februar 2010 - 18. Jahrgang Dienstag, 09. Februar 2010
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Thema des Monats 30. 05. 2006
Debatte um das Schloss
![]() Das Königsberger Schloss und sein Turm (links im Bild) spiegelten sich im klaren Wasser des Schlossteiches. (Alte Postkarte) Für hundert Millionen Euro könnte das Königsberger Schloss, bis 1945 das Wahrzeichen der Ostpreußen-Metropole, im heutigen Kaliningrad wieder aufgebaut werden.
Nichts scheint mehr unmöglich in Kaliningrad, seit das zentrale Lenindenkmal einer orthodoxen Kathedrale wich, das große Stadtjubiläum Brücken über doppelbödige Geschichte schlug und ein Bauboom über die Stadt hereinbrach, der auch nach der 750-Jahrfeier ungebremst weitergeht. Jetzt soll mitten im ausgelöschten historischen Zentrum, zwischen betongrauen Wohnblocks und den glänzenden Glasfassaden rapide wachsender Geschäftshäuser, das Wahrzeichen der alten Ostpreußen-Metropole auferstehen: das Königsberger Schloss.
Als Vision geistert der Wiederaufbau des 1969 gesprengten Ordens-Schlosses schon einige Jahre durch Kaliningrader Zukunftsdebatten. Bislang waren das eher fixe Ideen. Doch nachdem sich der mächtige „Kulturrat“ für die Wiederaufbaupläne ausgesprochen hat, gilt das Projekt quasi als beschlossen. Der Kulturrat vereint Museumsdirektoren, Wissenschaftler und einflussreiche Regionalpolitiker bis hoch zu Gouverneur Georgij Boos. Im Modell durften die Damen und Herren Kulturräte das neue Wahrzeichen schon mal besichtigen. Es zeigt, hundertfach verkleinert, ein schmuckes weißes Miniaturschloss, neben dem radikal modernisierten „Haus der Räte“ und flankiert von pompösen Wolkenkratzern neurussischer Spielart, wie sie derzeit vor allem in den Himmel über Moskau wachsen. Der neue Kaliningrader Chefarchitekt Alexander Baschin präsentiert mit seinem Modell noch zwei weitere Szenarien für den neuen Schlossplatz: eine „nostalgisch-historische“ Variante, die sich eng an die Bebauung im Königsberg des Jahres 1939 anlehnt, sowie ein futuristisch-modernes Konzept in Glas, Beton und Stahl. Woher das Geld für den Schlossbau kommen soll, steht freilich noch im berühmten „bestirnten Himmel“ über der Stadt: Auf 100 Millionen Euro beziffert Stadtarchitekt Baschin die Kosten. Gouverneur Boos ließ umgehend klarstellen, dass staatliche Mittel dafür nicht bereit stehen werden. „Man wird Sponsoren finden müssen.“ Erste Kaliningrader Großunternehmen haben ihre Hilfe tatsächlich schon zugesagt. Die Avtotor AG, bekannt durch die Montage von BMW-Limousinen für den russischen Markt, will sich an der Finanzierung beteiligen. Der Ölgigant Lukoil hat ähnliches signalisiert. In Kaliningrad scheiden sich am Wiederaufbau des Schlosses die Geister. Die gigantische Summe und die Aussicht auf weitere von Moskauer Neureichen belegte Luxuswohnungen und Nobelhotels machen das Thema nicht populärer. Die Kommunisten sind sowieso dagegen, sie wollen auf dem Schlossplatz ihr seit einem Jahr obdachloses Lenindenkmal aufstellen. Doch auch aus der Pro-Königsberg-Fraktion kommen skeptische Stimmen. „Das wird kein Schloss, sondern eine Fassade ohne Seele. Die Leute, die das geplant haben, verstehen nichts vom Geist dieser Stadt“, sagt Boris Abramow, Vorsitzender des Klubs der Heimatfreunde. Wegen seiner Meinung ist er alles andere als verdächtig, gegen den Erhalt deutscher Kultur zu sein. Doch den Schlosswiederaufbau hält er schlichtweg für Unsinn: „Man sollte so viel Geld besser nutzen und noch vorhandene Königsberger Baudenkmale retten. Wir haben dazu nicht mehr viel Zeit.“ Mit dem Schloss bekomme die Stadt ihre historische urbane Mitte zurück, meint hingegen Prof. Wladimir Kulakow, Ostpreußen-Spezialist der russischen Archäologie. Er erinnert an große Wiederaufbau-Beispiele wie Danzig, Warschau, Dresdens Frauenkirche und fordert, damit auch in Kaliningrad zu beginnen: „Wir haben mit dem Wiederaufbau des Schlosses jetzt endlich die Möglichkeit, an die Geschichte der Stadt anzuknüpfen.“ Das Schloss symbolisiert wie kein anderer Ort die Geschichte und ihre Brüche in der einstigen Hauptstadt Ostpreußens. Gegründet 1255 von den Mönchsrittern des Deutschen Ordens, prägte der burgartige Bau mit seinem markanten Turm sieben Jahrhunderte das Bild der Stadt am Pregel. Am 18. Januar 1701 krönte sich Friedrich I. im Schloss zum ersten preußischen König. Als die Königsberger Altstadt im August 1944 unter englischen Bomben in Schutt und Asche sank, wurde auch das Schloss schwer getroffen. Nach der Erstürmung der Stadt durch die Rote Armee war nur noch eine zerschossene Ruine übrig. Man hätte sie wiederaufbauen können. Doch das war undenkbar: Königsberg hieß fortan Kaliningrad, und die deutsche Geschichte der Stadt war tabu. 1969 sprengten Pioniere der Sowjetarmee die Schlossruine, angeblich auf direkten Befehl von Parteichef Leonid Breshnew, der „den faulen Zahn des preußischen Militarismus“ endlich aus dem Stadtbild getilgt sehen wollte. Die Soldaten brauchten Wochen, um die mächtigen Mauern in die Luft zu jagen. Noch während die Trümmer eingeebnet wurden, begann man einen Steinwurf entfernt das neue Symbol des sowjetischen Kaliningrad hochzuziehen: „Dom Sowjetow“, das Haus der Räte. Der 16-stöckige Betonkoloss wurde nie fertig. In der Perestrojka-Zeit ging das Geld aus, heute ragt er als Kaliningrads berühmteste Ruine über der Stadt auf. Zur 750-Jahrfeier strich man Dom Sowjetow blaugrau an, setzte neue Fenster ein, doch leer steht das Rätehaus immer noch. Das Schloss, legendenumrankter Mythos, seit seine Ruine von der Bildfläche verschwand, taucht unterdessen bereits wieder auf. Ein Bauzaun markiert die Stelle, an der es einst stand, dahinter fällt der Blick auf mittelalterliche Backsteinmauern, Gewölbereste und riesige Findlinge. Russische Archäologen haben seit 2002 große Teile der Kellergewölbe des Westflügels freigelegt. Thoralf Plath (dpa)
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