Reisen
02. 03. 2010
Nahverkehr bleibt bestehen

Der Vorortzug nähert sich der Station Svetlogorsk-1. Das Bahnhofsgebäude stammt noch aus der Vorkriegszeit. Foto: I.S.
Die Pläne der Kaliningrader Eisenbahn, die Vorortzüge zu den Ostseebädern Svetlogorsk/Rauschen, Selenogradsk/Cranz und Pionerskij/Neukuhren vom Fahrplan zu streichen, haben die Stadtbewohner alarmiert. Die Eisenbahn hat nachgegeben.
Wie kommt dann jemand ans Meer, der beispielsweise kein eigenes Auto besitzt? Oder was sollen die Rentner tun, für die die Bahn bisher die einzige Möglichkeit war, ans Meer zu fahren?

Grund für das Vorhaben der Eisenbahner ist einfach: der Nahverkehr sei unrentabel geworden und die Bahn könne die Verluste in Millionenhöhe nicht mehr tragen. Der Staat erwies sich auch nicht mehr in der Lage, den Nahverkehr der Bahn zu subventionieren. Die Gebietsregierung versuchte erst die besorgte Bevölkerung zu beruhigen und versprach statt ausgefallener Vorortzüge ausreichend Busse einzusetzen. Die Menschen waren jedoch mit einer solchen Lösung nicht einverstanden und bombardierten die Medien mit Protestbriefen und Beschwerden.
Das Problem wurde weit über die Grenzen unseres Gebiets bekannt. Die Leser des „Königsberger Expresses“ zeigten sich auch äußert besorgt. Nachstehend bringen wir einen der zahlreichen Leserbriefe, in dem die Gefühle ehemaliger Königsberger, die sich noch gern an ihre Zugfahrten ans Meer in der Vorkriegszeit erinnern, wohl am besten zum Ausdruck kommen:

„Wenn ich bei meinen sehr vielen Besuchen im ehem. Ostpreußen war, konnte ich mit Freude feststellen, dass gerade diese Strecken von Königsberg an die „Samländische Ostseeküste“ von den heutigen Bewohnern sehr gut angenommen wurden. Als Kind fuhr ich mit meiner Mutter öfters vom Nordbahnhof in Königsberg nach Neukuhren an den Strand und das ist bis heute als freudiges Ereignis hängengeblieben. Schon die Fahrt für die paar Kilometer und das anschließende Spielen am Strand sind für mich unvergesslich. Bei meinen Besuchen in den letzten Jahren in Königsberg habe ich wenigstens je einmal die Zugfahrt nach Neukuhren unternommen und bin mit den Tränen in den Augen vom Bahnhof zum Strand gegangen und war wieder sechs Jahre alt! Wenn ich nun lese, dass man diese Strecke schon zum 15. Februar stilllegen will, fehlen mir einfach die Worte. Sollte dieses verwirklicht werden, reißt man doch das Herz aus dem „Körper Samland“ und eine große Tradition wird einfach mit dem Bagger niedergemacht“, so unser Leser Jürgen Erbe, Haus Escherde.

Wir freuen uns, unseren Lesern mitteilen zu können, dass der Nahverkehr doch nicht abgeschafft wird. Die Eisenbahn und die Gebietsregierung haben – wohl auf Drängen der Bevölkerung hin – beschlossen die Vorortzüge zu den Badeorten an der Ostsee sowie zu den Grenzstädten Sovjetsk und Bagrationovsk (ehem. Tilsit bzw. Preußisch Eylau) weiter verkehren zu lassen. Allerdings sollen jetzt die Fahrpläne der Züge und die Zahl der Waggons dahingehend optimiert werden, dass in Zukunft nicht mehr „Luft statt Fahrgäste“ befördert werde. Vielleicht setzt man auch an einigen Strecken statt der Züge so genannte „Schienenbusse“ ein.

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Quelle:Russ. Zentralbank