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Nachrichten aus Kaliningrad Nr. 9 - September 2010 - 18. Jahrgang Donnerstag, 09. September 2010
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Städtebau 02. 03. 2010
Kreml oder Schloss?
![]() Die Schlossruine in den 1960er Jahren. Foto: Archiv Der bekannte Kaliningrader Landeskundler Avenir Ovsjanov meint, dass das verlorengegangene Königliche Schloss unmöglich ein Symbol von unserer Stadt werden kann.
Ovsjanov schlägt ein eigenes Konzept vor, wie das Grundstück, auf dem einst das Königliche Schloss stand, wieder bebaut werden könnte:
„Was bedeutete das Schloss für Königsberg und was würde es – gesetzt den Fall, dass es doch wieder aufgebaut wird – im heutigen Kaliningrad symbolisieren? In Königsberg war es eine echte Stadtdominanz, die in einer Luftlinie mit der Vorstädtischen Langgasse – einer der Hauptverkehrsstraßen der Stadt (heute Leninskij Prospekt) – lag. Den Hauptturm des Schlosses konnte man damals entlang mehrerer anderer, auf ihn zulaufender Straßen sehen. Dadurch und weil die Glockentürme der das Schloss umgebenden Kirchen – der Steindammer, Altstädtischer, Löbenichter und der Burgkirche - einander ziemlich ähnlich waren, wurde die Bedeutung des Schlosses als architektonischer Hauptbau im Stadtzentrum Königsbergs zusätzlich betont. Außerdem waren um das Schloss herum Ziegeldächer und spitze Türme anderer Häuser zu sehen. Dieses architektonisch harmonische Stadtbild war nicht von heute auf morgen entstanden, es war das Produkt der siebenhundert Jahre alten Geschichte der Pregelstadt. Versuchen Sie sich bitte jetzt vorzustellen, wie ein wieder aufgebautes Schloss neben zwei in einer Luftlinie zu ihm stehenden rechteckigen Bauten, die im Stil des Konstruktivismus errichtet wurden, aussehen würde? In Königsberg stand das Schloss im Zentrum mehrerer beliebter Wege und war für Fußgänger, die in Massen über anliegende Straßen und drei Plätze strömten, in seiner majes-tätischen Größe quasi von jeder Ecke zu sehen. Anders in Kaliningrad: Hier würden keine Passanten entlang der Schlossmauern flanieren, sondern ein reger Autoverkehr dicht daran vorbeidrängen. Von Plätzen kann in gegebener Situation überhaupt keine Rede sein. Das Königliche Schloss, selbst ein Baudenkmal, befand sich inmitten anderer historischer Gebäude, die zugleich untrennbare Teile seiner Gesamtansicht waren. Es ist kaum anzunehmen, dass vor einem wieder aufgebauten Schloss einige Denkmäler Bismarck, Kaiser Wilhelm oder König Friedrich I. darstellen würden – abgesehen von der Frage, ob das russische Kaliningrad überhaupt ein richtiger Ort für sie wäre. Die attraktivste, südliche Front des einstigen Schlosses war von der dichtbebauten Kneiphof-Insel und von den auf beiden Ufern des Neuen Pregels gelegenen Märkten am besten zu bewundern. Wer aber würde in Kaliningrad in diese Richtung blicken? Die wenigen Leute, die sich in den Skulpturenpark vor dem Dom verirren? Oder die wenigen Passanten, die über die Hochbrücke eilen? Wobei Letztere die Schlossfassade übrigens unter einem ungünstigen Blickwinkel zu sehen bekämen. Die Befürworter des Wiederaufbauplans berufen sich auf ähnliche Baudenkmäler in Litauen und Polen. Ich halte solche Argumente für völlig verfehlt. Die Schlösser und Burgen, die dort wiederaufgebaut wurden, sind nationale Symbole. Sie sind berufen, die Volkseinheit und die nationale Identität der Litauer oder der Polen zu festigen. Was würde aber ein Ordensschloss in Kaliningrad symbolisieren und festigen, sollte es in der Tat einmal wieder aufgebaut werden? Allein die Diskussion darüber spaltet unsere Gesellschaft. Und noch eine Überlegung: Es wird in letzter Zeit immer wieder betont, dass Kaliningrad zu Russland gehört. Ja, das stimmt natürlich, die Stadt hat vor 65 Jahren aufgehört deutsch zu sein. Welche neuen Gebäude im russischen Baustil sind hier seitdem entstanden? So gut wie keine, außer der Christi-Erlöser-Kathedrale und ein paar anderen kleineren Kirchen. Vom architektonischen Standpunkt aus kann Kaliningrad nicht als russische Stadt bezeichnet werden. Das bekomme ich immer wieder von meinen Bekannten und Gästen aus Zentralrussland zu hören. Hut ab vor der Kultur des Volkes, das diese Gegend früher besiedelte! Ich bin aber dagegen, dass wir etwas nachzuahmen versuchen, das nicht unser nationales Kulturgut ist und infolge von Krieg, Hass oder Gleichgültigkeit vom Erdboden verschwunden ist. Ich bin außerdem der Meinung, dass wir unsere Zugehörigkeit zu Russ-land nicht nur mit Worten beteuern, sondern durch Taten beweisen sollten. Dadurch zum Beispiel, dass wir hier Häuser oder andere Bauten mit typisch russischen architektonischen Baumerkmalen entstehen lassen. Das wären meine Argumente dafür, dass an der Stelle, an der einst das Königliche Schloss stand, ein Kreml mit all seinen typischen Merkmalen wie Mauern, Zinnen, Toren, Glockentürmen und sonstigen Elementen des altrussischen Burgenbaus errichtet werden sollte. Wir könnten dabei auf Planungen und praktische Bauverfahren zurückgreifen, die schon beim Bau der russischen Burgen in Smolensk, Pskov (ehem. Pleskau), Kostroma, und Nischnij Novgorod zum Einsatz kamen. Klar, dass die Reste der Kellergewölbe, die jetzt noch vom Königsberger Schloss übrig geblieben sind, in den Unterbau des Kaliningrader Kremls als dessen Bestandteil integriert werden könnten. Ich bin überzeugt, dass ein Kreml in Kaliningrad eine echte Touristenattraktion werden könnte und mit der Zeit die neue, russische Gegenwart dieser Stadt symbolisieren würde. Ich sehe aber, dass man sich bei uns mit Plänen abgibt, das Königliche Schloss, die Altstadt und Teile des einstigen Fischmarkts wieder ins Leben zu rufen. Wo wir doch unsere Schulkinder jedes Jahr im Rahmen eines Förderprogramms über mehrere Staatsgrenzen hinweg nach Zentralrussland reisen lassen, um sie mit ihrer echten russischen Heimat bekannt zu machen!“
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