Geschichte & Gegenwart
02. 02. 2010
Verschollene Schätze unter dem Lasch-Bunker?

Der Historiker und Mythenjäger Sergej Trifonow vor dem Eingang zum Bunkermuseum. Foto: Autor
Unter dem Bunkermuseum an der Kaliningrader Universität ist ein bisher unbekannter Raum entdeckt worden. Nun wird spekuliert: Liegt dort das verschollene Kant-Denkmal? Oder gar das Bernsteinzimmer?
Immer wenn Sergej Trifonow, Historiker mit ausgeprägtem Hang zur Erforschung Königsberger Mythen mit einer neuen These auf den Plan tritt, kann er sich der öffentlichen Aufmerksamkeit sicher sein. Im Kollegium der Kaliningrader Geschichtsforscher ist er daher nicht unumstritten, man wirft ihm gern mal vor, sich mit seinen geheimnisumwölkten Legenden vor allem selbst inszenieren zu wollen.

Doch der Mann bewies schon öfter, dass an manchem, was in dieser doppelbödigen Stadt nach Spinnerei klingt, mehr dran ist. Ein verborgener Tunnel etwa zwischen dem einstigen Königsberger Schloss und der Dominsel Kneiphof existierte vermutlich tatsächlich. Bei Ausgrabungen in den Schlosskellern stieß man auf deutliche Spuren. Die Archäologen des Gebietsmuseums für Geschichte und Kunst hatten den Gang immer angezweifelt. Trifonow beharrte auf seiner These – und behielt Recht.

Jetzt hat der Legendenforscher wieder zugeschlagen. Unter dem so genannten Lasch-Bunker am Universitätsplatz existiert möglicherweise ein zweites, bisher unbekanntes Bunkersystem. Einen Raum entdeckte Trifonow soeben, auf Basis von Daten, die zuvor eine Georadar-Untersuchung geliefert hatte. Die Größe der Kammer ist zwar noch unklar, aber sie hat Stehhöhe und befindet sich direkt unter der Haupteingangstreppe in den letzten Befehlsstand der Wehrmacht in Königsberg. Vorerst existieren von dem jüngsten gelüfteten Geheimnis der alten Preußenmetropole am Pregel nur einige verschwommene Bilder einer Videosonde. Durch die Treppenstufen hatte Trifonow – allein, ohne Zeugen – ein Loch gebohrt, groß genug für eine Kabelkamera.

Nach dem Abpumpen von etwa 3,5 Tonnen Wasser (Trifonow: „klar wie Trinkwasser“) filmte er mit der Sonde einen Raum, in dem auf den Bildern außer grauen Betonwänden ein größerer länglicher Gegenstand auf dem Boden auszumachen ist – für den Historiker eine Skulptur oder der Teil einer solchen. Nicht nur die Form spreche dafür, sondern auch deutlich erkennbarer Grünspanbelag. Trifonow hält für möglich, dass es sich um das verschollene Denkmal des Philosophen Immanuel Kant handelt. „Das Denkmal stand damals vor der Universität. Bisher meint man, es sei nach dem Krieg verschollen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass es in dem geheimen Bunker eingelagert wurde“, meint Trifonow.

Ob da unten wirklich die Skulptur des großen Königsberger Denkers entdeckt wurde, darf allerdings bezweifelt werden. Das Denkmal, ein Werk des Bildhauers Christian Daniel Rauch von 1857, war nach der Bombardierung der Stadt im Frühherbst 1944 von Gräfin Marion Dönhoff auf ihr Gut Friedrichstein 20 Kilometer östlich von Königsberg evakuiert worden – zum Schutz vor weiteren Luftangriffen. Die Auslagerung ist belegt. Aus dem Schlosspark verschwand die Kant-Skulptur demnach nach dem Krieg. Ihr weiteres Schicksal ist ungeklärt.

Allerdings wäre Königsberg nicht Königsberg, gäbe es nicht auch hier widersprüchliche Informationen. So finden sich in Archiven die Berichte mehrerer Augenzeugen, unter anderem die des einstigen Gymnasialdirektors Horst Dühring, die die Statue noch nach dem Krieg vor der Universität gesehen haben wollen. Nur: Wie käme sie dann in den geheimen Bunker?

Marion Dönhoff ließ 1992 mit Spendengeldern der ZEIT-Leser eine Replik des Denkmals anfertigen, diese steht seither fast auf dem gleichen Platz vor der mittlerweile nach Immanuel Kant benannten Staatsuniversität. Knapp 150 Meter sind es von dort bis zum Eingang jenes erst Anfang 1945 von der Wehrmachtsführung bezogenen Bunkers, in dem General Otto Lasch als Stadtkommandant die sinnlose Verteidigung Königsbergs gegen die Sowjetarmee befehligte und am 9. April die Kapitulationsurkunde unterschrieb.

Bis heute hält der Bunker als Filiale des Kunsthistorischen Gebietsmuseums in 21 Stahlbetonkammern voller Schaubilder, Fotos und Originaldokumente die Erinnerung an den Sturm der „Festung Königsberg“ wach. Jährlich kommen mehr als 20.000 Besucher hierher. Dass sich unter ihren Füßen vielleicht noch ein zweiter, geheimer Bunker befand, ahnte niemand.

Sergej Trifonow hofft, nun bald die Genehmigung zu bekommen, das Versteck zu öffnen.

Dass dort unten ein Geheimnis verborgen liegt, daran glaubt der Mysterienjäger noch aus einem anderen Grund. An beiden Eingängen in den Bunker, gleich hinter den schweren Schutztüren, waren schon während des Baus je ein zweites Tor angebracht worden. Wehrfunktion können die kaum gehabt haben: Die schmiedeeisern verzierten Rahmen ähneln eher jenen Schmuckpforten, wie sie auf manche Villengrundstücke führen.

Doch Historiker Trifonow sieht in dem Zierrat etwas anderes: Runen und Symbole der heidnisch-germanischen Mythologie. Darum hingen diese Tore seiner Ansicht nach auch nicht zufällig hinter den Eingängen: „Nach einem alten Glauben entwickeln solche Zeichen einzeln und erst recht so, wie sie in den Türflügeln angeordnet sind, eine sehr große Energie. Warum hätten die Deutschen das tun sollen damals? Der Bunker wurde doch erst in den letzten Kriegstagen gebaut, als die Front schon nahe war, und diese Tore sind aus schwerem Waffenstahl. Für mich besteht da kein Zweifel: Sie sollten in diesem Bunker etwas besonderes schützen, und auf eine Spur in diese Richtung sind wir nun offenbar gestoßen.“

Eine der Pforten blieb erhalten und ist im Bunkergang ausgestellt. Trifonow hat einige der hineingeschmiedeten Zeichen mit Alufolie abkleben lassen: „Diese Zeichen sind so stark und böse, dass es schlimme Folgen haben kann, sie zu berühren oder auch nur anzusehen.“

Thoralf Plath

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Quelle:Russ. Zentralbank