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Nachrichten aus Kaliningrad Nr. 9 - September 2010 - 18. Jahrgang Montag, 06. September 2010
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Kultur 02. 02. 2010
Eine Kulturbrücke für den Königsberger Dom
![]() Das Sinfonieorchester des MDR auf der Konzertbühne im Königsberger Dom. Foto: I.S. Als Kulturbotschafter seines Landes ist das Sinfonieorchester des Mitteldeutschen Rundfunks schon oft aufgetreten, doch der Ort, an dem die Musiker aus Leipzig am 23. Januar gastierten, war eine Premiere.
Zum ersten Mal gab im wiederaufgebauten Königsberger Dom ein international renommiertes Orchester ein Gastspiel, von 600 Zuhörern mit stehenden Ovationen und Bravo-Rufen gefeiert. Erst nach zwei Zugaben ließ das Publikum im restlos ausverkauften Dom das Orchester von der Bühne.
Der charismatische Dirigent des MDR-Orchesters, Jun Märkl, avancierte zum Star des Abends, ebenso der erst 26-jährige, bereits mehrfach preisgekrönte Kaliningrader Domorganist Artjom Chatschaturov. „Das war ein glücklicher Abend für den Dom“, sagte Chatschaturov nach dem Konzert. „So eine Brücke zwischen Menschen vermag nur Musik zu bauen. Diese Sprache versteht jeder.“ Das Orchester und die 2008 geweihte neue Königsberger Domorgel, mit 122 Registern die größte Orgel Russlands, hatten zunächst abwechselnd Werke von Johann Sebastian Bach erklingen lassen, ehe sie in der „Orgelsinfonie“ des französischen Romantikers Camille Saint Saлns miteinander verschmolzen. Als Jun Märkl als Zugabe Rachmaninow spielen ließ, hatten die Musiker aus Leipzig die Herzen der musikbegeisterten Russen vollends erobert. Noch nie hat ein öffentlich-rechtlicher Sender der Bundesrepublik dem einstigen Königsberg eine derartige mediale Aufmerksamkeit gewidmet. Unter der Rubrik „Kulturbrücke Kaliningrad“ brachte der MDR in Fernsehen und Radio eine Woche lang fast 40 Beiträge über das Leben in Russ-lands westlichster Stadt und seine wechselvolle Geschichte. Das Festkonzert, krönendes Finale der Programmwoche, wurde live übertragen. Hinzu kam ein umfangreiches Angebot im Internet (www.mdr.de/kaliningrad). Es ist die größte derartige Aktion, die der MDR je in Osteuropa auf die Beine gestellt hat. 220 Leute ließ der Sender zum Konzert in Kaliningrad einfliegen: Musiker, Techniker, Journalisten. „Wir wollen mit diesem Konzert allen danken, die mitgeholfen haben, dieses deutsche Kulturgut wieder mit Leben zu füllen“, sagte MDR-Indendant Udo Reiter zur Eröffnung des Festabends. „Was hier beim Wiederaufbau des Doms geleis-tet wurde, kann man nicht hoch genug loben.“ Auch Johann Michael Möller, Hörfunkchef des MDR, freut sich über dieses „Wunder von Königsberg“. Von ihm stammt die Idee für das Gastspiel des ältesten Radioorchesters Deutschland in der Stadt Immanuel Kants, er sieht es auch als Beitrag zur deutsch-russischen Verständigung: „Königsberg-Kaliningrad war lange vergessen. Es liegt auch an uns Deutschen, dieses Atlantis der Aufklärung wieder für Europa erlebbar zu machen.“ Viel Politprominenz war für das Konzert in das winterlich-eisige Kaliningrad angereist, unter anderem der deutsche und der russische Botschafter und Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer, der einen Teil seines Grußwortes auf Russisch hielt. Er hoffe, dass die Kulturbrücke tragfähig erhalten bleibe und auch in Zukunft von innovativen Ideen lebe, so Böhmer: „Diese Stadt war schon immer eine Brücke zwischen unseren Ländern, früher für Deutschland ein Tor zum Osten, heute für Russland eine Tür zum Westen.“ Für Dombaumeister Igor Odinzow war das Konzert ein einziger Triumph. Unzählige Male hatte er mit Rückschlägen zu kämpfen während der anderthalb Jahrzehnte, die der Wiederaufbau des Doms nun schon dauert. An Geld mangelte es immer, an Gegnern nie. Kaliningrader Kriegsveteranen schimpften Odinzow einen Verräter, der ein Symbol des Faschismus wiedererrichte. Deutsche Kunsthistoriker verhöhnten ihn als Dilettanten. Viermal nahm der Kaliningrader Stadtrat Anlauf, den Abriss der Ruine zu beschließen. Letztlich vergeblich, zum Glück. „Als wir anfingen damals, 1992, waren fast nur die Stimmen der Kritiker zu hören“, erinnert sich der heute 73-Jährige. „Hätten wir hier auf sie gehört, läge der Dom noch immer in Trümmern.“ An diese Zeiten erinnern heute nur noch die Schwarz-Weiß-Fotos im Museum des Domturms. Eine verwüstete Kriegsruine zeigen sie, Fensterhöhlen wie tote Augen, Berge von Unrat und Schutt. Auf bröckelnden Mauersimsen wucherte Gestrüpp, und durch den Turmstumpf sah man geradewegs in den Himmel. Mit knapper Not war die Domruine der Zerstörung entronnen in den 1970er Jahren, als Moskau im his-torischen Stadtzentrum des sowjetischen Kaliningrad auch noch die letzten deutschen Spuren tilgen wollte, der Sprengbefehl war schon gegeben. Nur das an den Dom gebaute Grabmal Immanuel Kants verhinderte das, Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ galt nach sowjetischer Lesart als Wegbereiter des Leninismus. Der Dom ist wie ein Sammelbecken für solche Geschichten. Sein Wiederaufbau geriet zu einem deutsch-russischen Gemeinschaftswerk. Zahllose kleine und große Spenden, anfangs vor allem von den alten Ostpreußen initiiert, dann mehr und mehr auch aus Russland fließend, machten die Restaurierung möglich. In vielen winzigen, doch manchmal auch gewaltigen Schritten. Die Bilder eines Militärhubschraubers der Baltischen Flotte, der 1994 die neue Turmhaube aufsetzte, gingen um die Welt. Moskau erfuhr von dieser halblegalen Aktion erst im Nachhinein, ein paar Generäle tobten, doch der Dom hatte wieder eine Spitze. Bald auch wieder Glocken und eine Turmuhr, dem Fuldaer Original bis ins Detail nachempfunden. Ein anderer großer Meilenstein: der Neubau des Daches, finanziert von der Hamburger Zeit-Stiftung. „Von jedem ein Fädchen, und der Arme hat ein Hemd“, sagt ein russisches Sprichtwort. Igor Odinzow begann mit ganzen hundert Rubel, das war damals knapp mehr als eine Mark. Über sieben Millionen Euro sind bis heute für die Wiederauferstehung des Königsberger Doms zusammengekommen. In seinen Backsteinmauern bekennt sich die russische Stadt zu ihrer deutschen Geschichte, das Museum ist Denkmal und Wahrzeichen zugleich. Mehr als 40.000 Menschen besuchen die Kathedrale pro Jahr. Nicht nur Russen und Deutsche, aus vielen Ländern kommen sie und schrieben schon ein Dutzend Gästebücher voll mit Lob und Bewunderung. Der MDR hat mit seiner „Kulturbrücke“ offensichtlich einen Anstoß zu intensiverer Zusammenarbeit zwischen Mitteldeutschland und Russlands westlichster Region gegeben. Es könnte eine Fortsetzung geben: Dirigent Jun Märkl und sein Kaliningrader Kollege Arkadij Feldman, Chef des Kaliningrader Sinfonieorchesters, trafen sich um auszuloten, wo weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit liegen könnten. Auch Hörfunkchef Möller gab sich in der Pressekonferenz optimistisch: „Ich bin großer Hoffnung, dass diese Kulturbrücke erst der Anfang von mehr ist. Es sollte natürlich weitergehen. Für die Musiker unseres Sinfonieorches-ters ist es Tradition, ihre Musik nicht nur in Deutschland zu spielen, sondern weltweit ein Stück unserer Kultur zu vertreten.“ Thoralf Plath
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