Kultur
07. 10. 2016
Filmkunst als Impfstoff gegen Intoleranz
Vom 15. bis zum 18. September 2016 fanden im Ausstellungsraum „Artvorota“ und im Filmtheater „Kinoland“ die Dokumentarfilmtage „Territorium Film“ statt.

Die Ausrichter und Teilnehmer der Dokumentarfilmfestivals „Territorium Film“ an dessen Austragungsort „Artvorota“ im Sackheimer Tor. Foto: Arme Sommer
„Weg sind die Worte der Liebe aus dem Poem des Lebens“ – die Zeile stammt aus einem Vers von Baba, eines afghanischen Schullehrers, der sein Heimatdorf mit Kind und Kegel verlassen musste – auf der Flucht vor dem Militär und den Taliban-Leuten, die seine Schule in Schutt und Asche gelegt hatten. Am ersten Tag des Filmfestivals wurde dem Publikum der Dokumentarstreifen „Der Walnussbaum“ („A Walnut Tree“) des pakistanischen Regisseurs Ammar Aziz gezeigt.

Die Probleme, die das diesjährige „Territorium Film“ thematisierte – das Altwerden, Hospize, Flüchtlinge und Migranten – werden relativ selten zum Gegenstand öffentlicher Diskussionen. Der Film von Denis Shabaev „Nicht mein Job“ wirkte in diesem Sinne wie eine Offenbarung: Er lässt uns Einblick in das Alltagsleben tadschikischer Arbeitsmigranten nehmen. Das Fazit seiner Beobachtungen ist hart: Den ersten besten Usbeken oder Tadschiken beschuldigen, sie wie Luft behandeln oder bestenfalls ignorieren, Hetzparolen an die Mauern schmieren – so sieht Integration auf Russisch heutzutage aus.

Die Dokumentarfilmtage klangen mit dem Film „Willkommen auf Deutsch“ von Carsten Rau und Hauke Wendler in einem mit Zuschauern voll gefüllten Vorführungsraum aus. Bemerkenswert ist, dass beide Autoren ihren Film noch vor den von der Flüchtlingskrise gezeichneten Jahren 2015 und 2016 gedreht hatten, d.h. sie vermochten das Problem zu erkennen, als es noch kaum zu sehen war. Der Film handelt davon, dass sich eine deutsche Rentnerin für eine tschetschenische Familie einsetzt: Sie hilft ihnen Deutsch lernen und Behördengänge erledigen.

Die Autoren nehmen Angela Merkels bekannten Spruch „Wir schaffen das!“ zum Anlass, um zu prüfen, wie Deutschland mit diesem Problem fertig wird. Sie zeigen, wie Beamte und einfache Bürger gemeinsam nach einer Lösung suchen und Kompromisse trotz mancher Gegensätze finden – etwas, was man im heutigen Russland meist vermisst.

Zu einem der ersten Konflikte zwischen der russischen Zivilgesellschaft und den Behörden kam es 2005, als dem Moskauer Kino-Museum das Gebäude, in dem es untergebracht war, weggenommen werden musste. Das Museum hatte seinerzeit der bekannte Filmkunsthistoriker Naum Kleiman ins Leben gerufen. Mit diesem Problem setzt sich der Film „Cinema: a public affair“ von Tatjana Brandrup auseinander. Er hat beim Publikum für Bestürzung gesorgt. Man hörte die Zuschauer flüstern: „Man tut es uns hier in Russland an, und eine deutsche Regisseurin macht darüber einen Film! Wie kommt das?“

Es ist schön, dass es das „Territorium Film“ gibt. Schön, dass unser Kaliningrader Publikum dadurch Anschluss an den weltweiten Kulturkontext bekommt und Einblick in scheinbar weit entfernte Probleme und Konflikte gewinnt. Schön, dass man die Dokumentarfilme engagierter Künstler sieht und dadurch, bildlich gesprochen, gegen Intoleranz und Hass geimpft wird und mitfühlen lernt.

Die Deutsch-russischen Dokumentarfilmtage „Territorium Film“ werden mit Unterstützung des Ministeriums der Justiz, Kultur und Europa des Landes Schleswig-Holstein gemeinsam mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein / Filmwerkstatt Kiel und dem Kulturministerium des Kaliningrader Gebietes im Rahmen einer langjährigen Zusammenarbeit der Regionen im Kulturbereich und des Jahres der russischen Filmkunst durchgeführt.

Jekaterina Smirnova




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Quelle:Russ. Zentralbank