Städtebau
31. 10. 2014
„Die Autobrücke muss weg, und die Häuser sollen einen Hauch von Alt-Königsberg erhalten“
Auf diese zwei Hauptpunkte kann man die Grundidee des Gewinner-Entwurfs des international ausgeschriebenen „Herz der Stadt“-Architekturwettbewerbs herunterbrechen.

Das Modell zeigt den Entwurf eines Umbauplans für das Kaliningrader Stadtzentrum, der im Rahmen des Wettbewerbs „Herz der Stadt“ mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. Foto: I.S.
Die Autoren des Umbauplanes sind Planer des Studio 44 und des Instituts für Territorialentwicklung, beide aus St. Petersburg. Den zweiten Platz belegte mit einem gemeinsamen Entwurf das russisch-französische Projekt des Architektenbüros Devillier und des Off-the-Grid Studios. „Bronze“ teilten unter sich der britische Archtekt Trevor Skemton und seine Berufskollegen der schwedischen Firma Hosper. Die Angaben sind der Webseite „gorodkanta.ru“ entnommen.

Die Jury des Wettbewerbs setzte sich sowohl aus Architekten, als auch aus Politikern der Stadt- und Gebietsebene zusammen. Entscheidendes Gewicht hatten dabei die Meinungen von Wettbewerbsleiter Alexander Popadin, Gouverneur Nikolaj Zukanow, Kaliningrads Oberbürgermeister Alexander Jaroschuk und des niederländischen Architekten Barth Goldhoorn.

Dass das Konzept für den Umbau des historischen Stadtzentrums von Kaliningrad im Laufe eines Fachwettbewerbs erarbeitet werden sollte, war seit Januar dieses Jahres bekannt. Zur Teilnahme meldeten sich ca. 30 Architekten- und Planungsbüros aus dem In- und Ausland an. Jedes von ihnen hatte ein eigenes Konzept für die Umgestaltung des Stadtteils zu erarbeiten, der zwischen dem Plaza-Kaufhaus, dem Standesamt an der Schewtschenko-Straße, dem Hotelkomplex Fischdorf und der alten Königsberger Börse gelegen ist. Die Wettbewerbsteilnehmer durften in ihren Umbauplan eine 60 bis 160 Hektar große Stadtfläche aufnehmen. Im Finale des Wettbewerbs standen schließlich 19 Teilnehmer aus 14 Ländern.

Das Studio 44 aus St. Petersburg, dessen Projekt mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde, wird von dem namhaften russischen Architekten Nikita Jawejn geleitet. Das Studio 44 ging einst aus einem ähnlichen Wettbewerb für das Stadtzentrum St. Petersburgs als Sieger hervor und machte sich seitdem mit architektonischen Lösungen für den Umbau des Ladoga-Bahnhofs und die Umgestaltung des Gebäudes des Hauptstabs als Teil des Eremitage-Museums sowie mit einigen anderen Projekten in der nördlichen Hauptstadt Russlands einen Namen.

In Kaliningrad wartete das Studio 44 mit einer Reihe von architektonischen und bautechnischen Lösungen auf, die es ermöglichen sollen, die heute um das Haus der Räte leerstehende Freifläche einer öffentlichen Nutzung zuzuführen und dieser eine zu jeder Jahreszeit wahrnehmbare, betont wohlige Atmosphäre zu verleihen.

Für die ehemalige Altstadt – den zwischen dem Haus der Räte und dem Moskowskij Prospekt gelegenen Teil des heutigen Kaliningrad – schlägt das Studio 44 einen Straßenverlauf vor, der im Wesentlichen mit dem der ehemaligen Altstadt identisch sein soll. Um dies zu realisieren soll das betreffende Gelände in eine Vielzahl kleinerer Grundstücke aufgeteilt werden, die dann an Interessenten versteigert werden sollen. Auf diesen Flächen können dann Ein- und Mehrfamilienhäuser errichtet werden, jedoch ausdrücklich keine Hochhäuser. In den Gebäuden könnten ebenerdig zudem sozial relevante Einrichtungen wie Läden oder Cafйs untergebracht werden.

Da zur Bebauung kleiner Grundstücke keine Großinvestitionen benötigt werden, könnte eine solche Lösung gerade Kleinunternehmer und den Mittelstand zur Teilnahme an Bebauungsprojekten motivieren. Es liegt im Sinne der Stadtplaner, dass dann alle in der Altstadt zu errichtenden Bauten einem einheitlichen Baustil entsprechen und aus einem vorgeschriebenen Sortiment von Baumaterialien gebaut werden sollen. Wo es möglich ist, sollen sie sich auf Fundamente der Königsberger Altstadt stützen. Die Straßen der Altstadt sollten dann zu einer Fußgängerzone erklärt werden.

Die Kais der beiden Pregelarme sollen ebenfalls umgestaltet werden. An ihre einstige Rolle als Speicher- und Handelsviertel könnte mit Mitteln der modernen Kunst erinnert werden. Das Konzept von Studio 44 sieht keine Bebauung der Kant-Insel (ehem. Kneiphof) vor.

Die Brücken über den Pregel und seine beiden Arme sollen laut Umbauplan so angeordnet werden, wie es die Antwort des Mathematikers Leonhard Euler auf das berühmt gewordene ‚Königsberger Brückenproblem‘ nahelegt.

Für die Kant-Insel sind demnach fünf Brücken erforderlich, die sie mit den Fußgängerzonen und öffentlich genutzten Stadtflächen zu beiden Seiten des Flusses verbinden sollen. Am radikalsten und aufsehenerregendsten ist die Idee des Konzeptes, die bestehende Autobrücke abzureißen und an ihrer Stelle zwei alte Straßenbahn- und Fußgängerbrücken wiederaufzubauen. Für den einstigen Stadtteil Löbenicht – wo sich heutzutage nördlich vom Moskowsij Prospekt das Moskowskij-Warenhaus befindet – sieht das Konzept die heute übliche Bebauung inklusive den Bau von Hochhäusern vor.

An der Stelle, wo früher das Königliche Schloss stand, wäre laut Konzept ein mittelgroßes Theatergebäude oder eine Konzert- bzw. Ausstellungshalle für moderne Kunst eine sinnvolle Bebauung.

Das Haus der Räte, das architektonisch heute weite Teile der umliegenden Stadt dominiert, würde in Zukunft laut Konzept nur eines der vielen Gebäude sein, die das neue Stadtbild Kaliningrads prägen würden. Sein Bau soll zu Ende geführt und in den Dienst von vorrangig gesellschaftlichen Institutionen gestellt werden. Das Dach des Rätehauses würde Touristen und Besuchern Kaliningrads einen hervorragenden Ausblick auf die roten Ziegeldächer der wiederaufgebauten Altstadt bieten können.

Die Stadtverwaltung versprach, das vorgeschlagene Konzept in seinen wesentlichen Zügen als Vorlage für einen offiziellen Bebauungsplan zu nutzen, der nach Verabschiedung für alle in der Baubranche tätigen Firmen verbindlich sein wird.

Interessierte können sich mit diesem und anderen Entwürfen der Wettbewerbsteilnehmer noch bis zum 7. November 2014 in der Kunstgalerie am Moskowskij Prospekt vertraut machen.

(kinfa)




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Quelle:Russ. Zentralbank