Impressionen
01. 09. 2014
„Kaliningrad oder Königsberg ist für uns ein besonderer Ort"
In diesem Sommer hat die Familie Pasche Kaliningrad besucht. Ihre Eindrücke von der Reise ins Gebiet werden wohl auch für unsere Leser von Interesse sein.

„Wir leben beide Kulturen: deutsch und russisch“. Foto: privat
In diesem Sommer ist unsere Familie zum ersten Mal nach Kaliningrad geflogen. Meine Frau ist Russin, ich bin Deutscher, unsere Tochter (10 Jahre) ist zweisprachig aufgewachsen. Wir leben eigentlich beide Kulturen, sind also, wenn man es so bezeichnen will, bi-kulturell. Wir kommen aus dem Großraum Basel.

Historisch stammen meine Vorfahren weniger aus Ostpreußen als aus Oberschlesien. Letztendlich sind aber auch sie Vertriebene der ehemaligen Ostgebiete. Wut oder Hass deswegen habe ich in meiner Erziehung nicht erfahren. Es war eher ein „abgeharkt, vorbei, das Leben geht weiter, wo wir jetzt und heute sind“.

Der Kalte Krieg, den ich im Westen erlebte, setzte in Westeuropa die antirussische bzw. antiöstliche Haltung der Vergangenheit fort. Man kann lange diskutieren, was der eine dem anderen angetan haben soll. Diese Diskussionen führen zu nichts. Wichtig ist, dass jeder den anderen darum bittet ihm für das zu vergeben, was ER ihm angetan hat.

Für mich war der Mauerfall und das freiwillige friedliche Ende, von russischer Seite aus, eine Revolution in meiner Denkweise. Die Aussage von Gorbatschow, dass auch der Westen sein Glasnost und seine Perestroika durchmachen wird, sehe ich im Kontext der jetzigen Konflikte ganz real. Auch „der Westblock“ wird sich Gedanken machen dürfen wie es weiter gehen soll. Leider deutet Vieles derzeit darauf hin, dass dieser Wandel in eine „multipolare Welt“ nicht so friedlich wie der von 1989 ablaufen wird.

Wir haben jetzt eine Wohnung in einem der Neubaugebiete in Königsberg erworben und sie eingerichtet. Es gefällt uns dort sehr gut. In Selenogradsk/Cranz an der Ostsee gingen wir gleich baden. Hat uns sehr gut gefallen. Dann waren wir im Meeresmuseum. Die Aquarien mit der Auswahl der Fische, ganz nah zu sehen – einfach phantastisch! Ein großes Erlebnis insbesondere für unsere Tochter. Die Schiffsrundfahrt und das U-Boot dort haben mir sehr gut gefallen. Faszinierend diese Unmengen an Apparaturen, Kabeln, Rohren und Maschinen, die da verbaut sind. Nichts für Menschen mit Platzangst. Man denkt ein bisschen an die Analogie eines Lebens in einer Weltraumstation.

Die Autobahnen sind prima gebaut. Eher mache ich mir Sorgen, dass Autofahrer mit alten Autos dazu geneigt sind, schneller zu fahren als die Technik es zulässt. Die vielen Mercedes AMG hingegen, also getunte hyperteure deutsche Autos haben mich irritiert. Wenn man so sagen will, sind das ja „mobile Häuser“, die da rumfahren – wenn man es mal preislich einordnet. Nur hat ein Haus bzw. ein Grundstück Langzeitwert, wohingegen so ein Mercedes auf diesem Kopfsteinpflaster und den Schlaglöchern ja kontinuierlich an Wert verliert. Dann auch noch die Betriebskosten für die Wartung dieser „Luxusschlitten“.

Ich schaue mir dann die Häuser an. Warum wird da nicht mehr in langfristige Werte investiert? Eine Russin meinte: „Man will eben zeigen, dass man es zu etwas geschafft hat!“. Ich entgegnete, dass diese Art der neidheischenden Profilierung bei Deutschen nicht gut ankäme. Dass man aber den Eindruck gewinnt, dass die ärmeren Russen diese „Profileure und Profiteure“ ja bewundern und es damit eine Gegenseitigkeit zu sein scheint.

Nach dem Bernsteinmuseum haben wir uns auch den Dom und die Ausstellung darin angeschaut. Deutschsprachige Führer waren dort vertreten, wohingegen an den anderen Sehenswürdigkeiten die „deutsche Unterstützung“ eigentlich schlecht ausfiel. So gab es z.B. in dem Meeresmuseum bei einer deutschen Reisegruppe sprachlich bedingte Probleme, die meine Frau dann sofort auflösen konnte. Ich will diesen sprachlichen Kontext mal mit dem Rheintal vergleichen.

Unsere Tochter hat in der Grundschule Französisch gelernt. Das ist in der Grenzregion Rheintal/Vogesen/Schwarzwald eine Sonderregelung. Sonst lernen die Kinder Englisch. Auch in der französischen Grenzregion lernen die Kinder Deutsch statt Englisch. Ich denke, dass auch eine historische Sonderregelung für Kaliningrad zur Unterstützung der deutschen Sprache sinnvoll wäre. Ich fand im Dom eine Karte interessant, die auch noch die deutschen Straßennamen oder Städtenamen beschreibt. Ich glaube nicht, dass heutzutage so etwas noch mit irgendeinem Revisionismus verbunden wird.

Ich dachte, es ist mal interessant auch die Stimme junger Menschen oder bikultureller Familien zu artikulieren, welche diesen Krieg ja nicht erlebt haben, sondern die Nachkommen jener Kriegsgeneration sind. Ich meine, dass die junge Generation die verbindenden Elemente viel mehr sieht, als die trennenden. Das Denken ist globaler geworden. Die junge Generation lebt nicht in einem Bewusstsein „die Heimat abgeharkt zu haben“, sondern wie sich gemeinsam Zukunft in Frieden und Völkerverständigung gestalten.

Wenn ich hingegen den Ukraine-Konflikt ansehe, denke ich, dass hier noch so viel unbewältigte Vergangenheit in diesem Europa drin steckt. So viel „altes Denken“ und zu wenig Bereitschaft, dem anderen zu vergeben für das was falsch gelaufen ist, zu viel des alten Geistes der Trennung und zu wenig eines neuen Geistes des gemeinsamen Gestaltens. Kaliningrad oder Königsberg ist für mich ein besonderer Ort, weil er heute Welten verbindet, die vorher historisch miteinander unvereinbar waren.

Christoph Paschke, August 2014




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Quelle:Russ. Zentralbank