Geschichte & Gegenwart
30. 08. 2013
Reichsjägerhof vor Wiederaufbau?
Es sieht so aus, dass die im Osten des Kaliningrader Gebietes gelegenen Reste des „Imperial Hunting Court“ des einstigen „Reichjägermeisters“ Hermann Göring demnächst wiederaufgebaut und zu „touristischen Zwecken“ vermarktet werden sollen.

Ruinen und reste des einstigen Reichsjägerhofes von Hermann Göring in der Rominter Heide. Foto: Autor
Tief in der Rominter Heide, der Zaun der russisch-polnischen Grenze ist schon zum Greifen nah, zweigt ein unscheinbarer Pfad von der alten Pflasterstraße ab, die weiter in Richtung des versunkenen Kaiserlich-Rominten führt. Rechts und links säumen riesige Kiefern, Linden und Eichen das Bild, Ostpreußens Urwald macht seinem Namen grüne Ehre. Wer hierher kommt, sucht Wildnis. Viele sind es nicht, die Förster, ein paar Pilzesucher, man braucht einen Passierschein, um in die innere Grenzsperrzone zu gelangen. Ab und zu lassen sich deutsche Touristen von russischen Taxichauffeuren hierher fahren, meistens halten sie an der alten Hirschbrücke und machen ein paar Fotos. Den schmalen Weg zum alten Reichsjägerhof Rominten findet kaum jemand.

Das Anwesen, 1936 im Auftrag des damaligen „Reichsjägermeisters“ Hermann Göring errichtet und fest mit dessen Namen verbunden, ist längst verschwunden. Im Oktober 1944 ließ der dicke Nazi den Blockhauskomplex niederbrennen, sein „Emmyhall“ sollte den Russen nicht zur Beute werden. Nur Betonreste des Kel lers sind erhalten, überwucherte Trümmer, auch den Luftschutzbunker, den Göring sich unter seinem privaten Schlafzimmer bauen ließ, gibt’s noch. Das war’s aber auch. Ein etwas gespenstischer, von Moos und Fichtendickicht überwucherter Ort, so wirkten die Ruinen des Reichsjägerhofs viele Jahre lang.

Doch neuerdings tut sich etwas auf dem Gelände. Es begann mit dem großen Aufräumen: Dutzende Bäume wurden gefällt, das gesamte Unterholz beseitigt, der Weg ausgebessert. Inzwischen steht der Anfang einer Umzäunung. Und es ist nun auch kein Geheimnis mehr, und doch klingt es immer noch ein bisschen wie ein Treppenwitz der Geschichte: Ein Kaliningrader will Görings Reichsjägerhof wieder aufbauen.

Genutzt werden soll der Komplex im Stil einer „germanischen Fürstenhalle“ – so dröhnte einst der Reichsjägermeister – offenbar als Hotel, Pension für Wildnisliebhaber, vor allem aber wohl für gut zahlende Jagdgäste aus dem Westen, gern auch aus „Germania“. Noch sagt der Bauherr selbst nicht viel dazu. Immerhin weiß man, wer dahinter steckt: Alexander Jegorytschew, Verwaltungschef in der Kaliningrader Gebietsregierung, ein einflussreicher politischer Stratege und enger Freund von Gouverneur Nikolai Zukanow. Die beiden kennen sich aus Zeiten, als Zukanow noch Bürgermeister von Gusew war.

Jegorytschew ist in der Umgebung von Gusew bereits an mehreren touristischen Projekten beteiligt, zum Beispiel am Gästehaus in Jelowoje (Kaschnowsken/Tannsee), einer schönen Pension mit eigenem Weiher. Ein weiteres Hotel des geschäftstüchtigen Politikers steht am Wystiter See östlich der Rominter Heide.

Nun also der Reichsjägerhof. Von den Bauplänen gibt es noch keine detaillierten Angaben, Alexander Jegorytschew wäre damit vermutlich lieber im Verborgenen geblieben, doch geheimhalten lässt sich in Kaliningrad nichts mehr. Vor allem das Fällen der vielen Bäume rief umgehend Proteste von Naturschützern auf den Plan. Vergeblich. Alles in Ordnung, urteilten die Behörden. Kein Wunder bei dem Einfluss, den Jegorytschew hat. Der Mann kennt sich nicht nur im Dickicht der Kaliningrader Politik aus, sondern auch im echten Urwald: Jahrelang leitete er die Agentur für Forstverwaltung im Gebiet, war sozusagen der Oberförster der Exklave.

So still wie bisher wird es in der Rominter Heide nicht mehr lange bleiben. Von russischer, litauischer und polnischer Seite wird in diesem Dreiländereck des Kaliningrader Gebietes an einer naturverträglichen touristischen Erschließung des riesigen Waldrevieres gearbeitet – seit kurzem gibt es auf russischer Seite ein System ausgeschilderter Wander- und Radwege. Einer führt zum „Imperial Hunting Court“, dem Reichsjägerhof. Den es nun bald wieder geben wird. Eine seltsame Vorstellung.

Thoralf Plath




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Quelle:Russ. Zentralbank