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Nachrichten aus Kaliningrad
Nr. 5 - Mai 2013 - 21. Jahrgang Samstag, 25. Mai 2013 |
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Geschichte & Gegenwart 01. 08. 2012
Auf den Spuren von Marion Gräfin Dönhoff
Die Schüler und Lehrer des Hansa-Kollegs in Hamburg unternahmen eine abenteuerliche und aufschlussreiche Reise nach Kaliningrad. In manchen Aspekten war sie einer Zeitreise nach Königsberg ähnlich.
![]() 21 Hamburger genießen Kultur und Geschichte der Pregelstadt. Foto: privat Rom, Paris oder London – weit entfernt, aber für Schüler irgendwie vertraut. Doch Kaliningrad, kaum weiter als München: terra incognita. Das Angebot, eine solche Reise zu unternehmen, aus Anlass des 10-jährigen Todestages von Marion Dönhoff, kam von der Kulturreferentin am Ostpreußischen Landesmuseum in Lüneburg, Agata Kern. Die Schüler und Lehrer des Hansa-Kollegs in Hamburg, haben nicht gezögert, sich auf dieses Abenteuer einzulassen.
Die Reise dauerte vom 7. bis zum 13. Mai; sie war strapaziös, aufregend, einzigartig. Eine Reise in ein unbekanntes Land. Russland begann schon im Reisebus: 19 deutsche Schüler und zwei deutsche Lehrer in Begleitung von Agata Kern und ansonsten nur russische Fahrgäste und russische Busfahrer. Am nächsten Morgen empfing uns das ehemalige Preußen mit Sonnenschein; wenig später hatten wir die russische Grenze passiert und völlig erschöpft konnten wir unsere Zimmer im Hotel „Kaliningrad“ im Zentrum der Stadt beziehen. Vier Stunden hatten wir zur Erholung, bevor unser russischer Reiseführer Sergej zu uns stieß und das Besichtigungsprogramm begann. Für viele Schüler war schnell alle Müdigkeit vergessen. Sie stürzten sich sogleich in das Getümmel zwischen Kaliningrader Siegesplatz und Königsberger Dom. Wir sehen den Hafen, Plattenbauten, orthodoxe Kathedralen und überraschend sorgfältig restaurierte Backsteingebäude aus deutscher Zeit. Wir fahren nach Pillau. Die Marine feiert am 9. Mai das Ende des Großen Vaterländischen Krieges. Am Stadtrand befindet sich das Gräberfeld für ungezählte Soldaten aller Nationen. Der Strand davor lädt zum Bernsteinsammeln ein und eine Besichtigung des Bernsteintagebaus darf im Programm nicht fehlen. Wieder wenige Kilometer weiter am weißen Ostseestrand von Palmnicken dann das Mahnmal für die 1945 am Strand erschossenen 7.000 jüdischen Frauen; bevor es abschließend in den Touristentrubel des Seebades Rauschen geht – Kontraste, so heftig, dass sie manchmal schwer auszuhalten sind. Fällt in Kaliningrad der Kontrast zwischen deutscher, sowjetischer und moderner russischer Architektur ins Auge, so ist es in der Provinz der Verfall der Gebäude, gleich ob aus Vor- oder Nachkriegszeit, der uns manchmal ratlos macht. Und selbst Landschaft lässt sich, so lernen wir, zerstören: Von der großen Kulturlandschaft der ehemaligen Kornkammer Ostpreußen ist selten mehr übrig geblieben als verwilderte Wiesen. Bauerndörfer sind zu Hunderten verschwunden – entstanden ist dafür weite, einsame, sich selbst überlassene Natur. Die Störche freut es. Die stärksten Erlebnisse sind aber die Begegnungen mit Menschen, die die Geschichte des Landes zu ihrer eigenen machen, die Zukunft gestalten und die Begegnung mit den Besuchern aus dem fernen Deutschland suchen: Da ist die Frau aus der protestantischen Gemeinde der Salzburger Kirche in Gumbinnen – sie erzählt uns von der Unterdrückung alles Religiösen in sowjetischer Zeit und vom Aufbau des Diakoniezentrums in den letzten Jahrzehnten. Und die Kollegin aus der Berufsschule von Gumbinnen – eine engagierte Deutschlehrerin, die auf der Suche nach Kooperationspartnern in Deutschland ist. Eine Schulreise nach Kaliningrad: Das hieß, sich auf etwas völlig Neues einzulassen; die üblichen Reisepfade zu verlassen. Belohnt wird dieses Wagnis mit der Begeisterung der Schüler. Es zeigt: Ein Reiseziel muss weder schön sein, noch im Trend liegen, um uns zu berühren. Ein Erlebnis war es, in einer scheinbar ganz fremden Kultur die Spuren der eigenen zu suchen. In Russland Menschen zu begegnen, die in ihrer Heimat die Spuren deutscher Geschichte pflegen, weil sie sie als gemeinsame Geschichte begreifen, im Schrecklichen wie im Guten – das lässt niemanden kalt. Und für 21 Hamburger Schüler und Lehrer ist am Ende dieser Reise Königsberg nicht mehr tot und Kaliningrad nicht mehr fremd. Holger Wendebourg, Lehrer am Hansa-Kolleg in Hamburg |
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