Politik
01. 08. 2012
"Einmal Königsberger, immer Königsberger" - Deutschlands Chefdiplomat nimmt Abschied mit Wehmut
Dr. Aristide Fenster, seit 2009 deutscher Generalkonsul in Kaliningrad, beendet seinen Dienst in Russlands EU-Enklave.

Dr. Aristide Fenster verlässt Kaliningrad nach vier Jahren. Zum Abschied gab es viele Geschenke. Foto: Autor
Ende August wird er neuer Botschafter der Bundesrepublik in Usbekistan. Seine Nachfolge in Kaliningrad tritt Rudolf Friedrich Krause an, bisher Chef der diplomatischen Fakultät an der Universität Budapest.

Für die deutsche Gesandtschaft im einstigen Königsberg ist es ein turnusmäßiger Wechsel, für Aristide Fenster schwingt ein bisschen Wehmut mit nach den vier Jahren in der russischen Exklave. So zumindest bekannte der Diplomat es in seiner „Abschiedsrede“ im Deutsch-Russischen Haus: Es falle ihm und seiner Frau Andrea schwer, Kaliningrad Do Swidanija zu sagen. „Wir haben hier eine sehr spannende Zeit erlebt und uns immer sehr wohl gefühlt. Die Menschen in dieser Stadt und im gesamten Gebiet sind uns freundlich, mit großer Offenheit und Herzenswärme begegnet, und wo wir auch hinkamen, wir fühlten uns willkommen.“

Im direkten Gespräch klingt seine Bilanz weniger pathetisch, nachdenklicher – und was die Sicht auf die Zukunft der Exklave Kaliningrad betrifft, betont optimistisch. Für einen deutschen Diplomaten sei der Dienst im einstigen Königsberg schon etwas Besonderes, sagt der 60-Jährige: „Das Generalkonsulat in Kaliningrad ist eine Vertretung in einem einmaligen politisch-historisch-kulturellen Umfeld. Es ist, ob wir wollen oder nicht, von besonderer Bedeutung für Deutschland, zum einen wegen der lebendigen Erinnerung an das ehemalige nördliche Ostpreußen, zum anderen wegen geografischer Nähe und schließlich der Enklavenlage in der EU“.

Das alles ist nicht neu und findet seinen Ausdruck in einem intensiven und seit Jahren stetig wachsenden Besucheraustausch, wirtschaftlicher Zusammenarbeit, immer mehr deutsch-russischen Partnerschaften zwischen Kommunen, Schulen und kulturellen Einrichtungen: Kaliningrad blickt in Richtung Westen.

Deutschlands Gesandtschaft am Pregel baut an dieser Brücke ganz praktisch mit. Im vorigen Jahr reichte das Konsulat 22. 000 Schengen-Visa aus, 2012 werden es noch etwa 3.000 mehr sein, kündigt Fenster an: „Damit ist die Kapazitätsgrenze unter derzeitigen Bedingungen wohl erreicht.“ Von einem baldigen Wegfall der Visapflicht geht der Generalkonsul aufgrund der schwierigen Verhandlungen nicht aus, doch Schritt für Schritt gäbe es Erleichterungen bei der Visaerteilung. „Wir haben uns hier in Kaliningrad um größtes Entgegenkommen bemüht, um die Menschen zueinander zu bringen, natürlich im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten.“ Inzwischen stelle man vermehrt zwei- bis fünfjährige Mehrfachvisa aus, der Trend gehe eindeutig in diese Richtung. „Das ist eine große Erleichterung für die Reisefreiheit der Kaliningrader in Richtung Deutschland und Westeuropa.“

Aristide Fenster, von Haus aus promovierter Osteuropa-Historiker, legte wie seine Amtsvorgänger Cornelius Sommer und Guido Herz viel Wert auf Kulturarbeit und hebt in seinem Fazit Veranstaltungen wie die „Kulturbrücke“ des Mitteldeutschen Rundfunks (2010) oder den „Tag der Deutschen Sprache“ im September 2011 hervor, mehr als tausend Schüler und Lehrer aus dem gesamten Gebiet nahmen daran teil. Zu den größten Persönlichkeiten der Region zählt Fenster den Dombaumeister Igor Odinzow, er habe den Kaliningradern wie den Königsbergern ein Identifikationssymbol aufgebaut. Das deutsche Konsulat unterstützt fast alle großen musikalischen Höhepunkte des Jahres im Dom, so die Chorwoche, das Wagner-Festival, Konzerte renommierter Organisten. In die „Amtszeit“ Fensters fällt auch die intensivierte Zusammenarbeit mit dem von Berlin mitfinanzierten Deutsch-Russischen Haus: Beide Einrichtungen organisieren inzwischen gemeinsam viele Veranstaltungen. Die Kulturarbeit hält Fenster für den großen Träger der deutsch-russischen Verständigung in Kaliningrad. Eine ähnliche Entwicklung würde er sich auf wirtschaftlichem Gebiet wünschen: „Da ist noch viel Luft nach oben.“

Politisch sieht der Diplomat Russlands Exklave auf dem Weg in eine engere Integration des südlichen Ostseeraums. „Dieser Prozess hat in den letzten zwei Jahren große Fortschritte gemacht.“ Vor allem die aufeinander folgende deutsche und nun aktuell russische Präsidentschaft im Ostseerat habe da vieles bewegt: „Beide Seiten haben zu einem Schwerpunkt der Arbeit gemacht, Kaliningrad stärker in die Projekte der Ostseeanrainer einzubinden. Da wird sich in den nächsten Jahren einiges tun, was dem Gebiet hilft, aus seiner isolierten Lage herauszukommen.“ Unter anderem soll ein mit einhundert Millionen Euro gefüllter Fonds grenzüberschreitende Projekte etwa im Tourismus und Umweltschutz fördern. Möglicherweise findet die nächste Außenministerkonferenz der Ostseeanrainer im kommenden Jahr in Kaliningrad statt – ein politisches Signal, dass Russlands Inselprovinz zu mehr euroregionalem Selbstbewusstsein verhelfen könnte.

Eines hat auch der dritte Chefdiplomat Berlins im Gebiet Kaliningrad seit Eröffnung des Generalkonsulats im Juni 2004 nicht geschafft: der Gesandtschaft zu einer ordentlichen Bleibe zu verhelfen. Immerhin: Der Umbau des künftigen Konsulatsgebäudes in der Jugendstilvilla Thälmannstraße 14 ist nun endlich in Gang. Auf einen Termin zur Eröffnung lässt Aristide Fenster sich nicht mehr festnageln, zu oft sind solche Prognosen schief gegangen. „In absehbarer Zeit“, sagt er nur, „womöglich im Jahr 2013“. Spätestens dann wird er nach Kaliningrad zurückkommen. Vielleicht auch früher. Denn was gab ihm Viktor Hoffmann, Direktor des Deutsch-Russischen Hauses, zum Abschied mit auf den Weg? – „Einmal Königsberger, immer Königsberger.“

Thoralf Plath



Devisenkurse: 30. 04. 2013
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Quelle:Russ. Zentralbank