Schlaglicht
13. 07. 2012
Königsberg liegt Juden sehr am Herzen
Interview mit dem Hauptrabbiner der Stadt und des Gebietes Kaliningrad, Rabbi David Schwedik nach dem Besuch am Ort des Massenmordes von Palmnicken
Wie fühlten Sie in Jantarnyj?
Einerseits was es sehr schwer, aber andererseits spürt man bei solchen Ereignissen die Einheit mit dem Volk seiner Nationalität. Dies steht noch über der Frage der Herkunft. Wenn Menschen Menschen ermorden, hat das mit Nationalität nichts zu tun. Außerdem versöhnt das gemeinsam ertragene Leid alle. Wir hatten alle dieselben Gedanken und Gefühle, daß sich das nicht wiederholen darf.

Kann das jüdische Leben in Kaliningrad wieder entstehen?
Die jüdische Gemeinde in Königsberg zeichnet sich durch Reichtum und einen starken Zusammenhalt aus. Sie war sehr aktiv. Der Krieg hat sie vernichtet.
Königsberg liegt Juden sehr am Herzen. Auf dem zerstörten jüdischen Friedhof am Litauer Wall ruhen große Gerechte, Begründer ganzer Lehren mit vielen Anhängern. Die Gräber selbst blieben nicht erhalten. Jetzt wird der Friedhof zunächst umzäunt. Nach dem Krieg kamen Menschen in die Region, die hier keine tiefen Wurzeln haben. Unter ihnen waren auch Juden. Mittlerweile gibt es im Kaliningrader Gebiet über 2.000 Juden.
Wir haben wirklich eine große Chance unsere Gemeinde wieder aufblühen zu lassen. Der letzte Hauptrabbiner von Ostpreußen Joseph-Ziv Dunner lebt noch. Im November 1998 übertrug er mir die Vollmachten zum Wiederaufbau der Gemeinde.

Viele Juden wandern nach Israel, Deutschland und Amerika aus. Schadet das Ihrer Gemeinde?
Das schadet der ganzen Region, den unser Land verlassen Professoren, Ärzte, Wissenschaftler. Ich kenne Fälle, wo ganze Institute geschlossen werden mußten, weil führende jüdische Mitarbeiter ausreisten.
Rußland befindet sich in einer äußerst schwierigen Lage. Allen geht es schlecht unabhängig von der Nationalität.
Juden haben aber die Möglichkeit, auszureisen. Dennoch wird die Gemeinde dadurch nicht kleiner. In der Stalin-Ära verleugneten viele aus Angst ihre jüdische Identität. Heutzutage hat sich das Verhältnis zu Juden geändert.

Wie stark ist der Antisemitismus?

Im Vergleich zu anderen Regionen ist es in Kaliningrad relativ ruhig. Mir sind zum Beispiel Fälle zu Ohren gekommen, wo in Moskau Rabbiner und Juden geschlagen wurden. Leider gewinnt die Russisch-Nationale Einheit (nationalistisch-extremistische Vereinigung – Anm. d. Red.) in Kaliningrad, wo sie wie in anderen Städten staatlich registriert ist, an Boden. Sie verkündet übrigens nicht nur antisemitische Parolen. Auf meine Anfrage über die RNE beschieden mir die verantwortlichen der Staatsmacht: „Keine Sorge, sie stehen unter unserer Kontrolle.�

Wie ist ihr Verhältnis zu regionalen Politikern?

Soviel ich verstehe, ist es sehr gut darum bestellt. Vor kurzem hatten wir ein zweistündiges Gespräch mit dem Gouverneur Leonid Gorbenko. Er befragte uns über das Gemeindeleben. Zu der Stadtverwaltung Kaliningrad sind unsere Beziehungen ebenfalls gut.

Welche Probleme haben Sie?

Vor dem Krieg gab es in der Stadt fünf schöne Synagogen. Nun müssen wir Räume in einem Kindergarten mieten. Wir haben auch ein spezielles Wohltätigkeitsprogramm, verteilen Lebensmittelpakete und möchten auch eine Armenküche einrichten. An mich treten hungernde, arbeitslose Leute mit Kindern heran, sie bitten mich um Hilfe. Aber wir müssen horrende Summen für die Miete zahlen.

Haben Sie vor, eine Synagoge zu bauen?
Natürlich. Es gibt in der Stadt viele hilfsbereite Menschen, die ihre Gehälter und Renten für den Synagogenbau opfern würden. Ich werde es jedoch erst in Angriff nehmen, wenn die Finanzierung gesichert ist. So oder so werden wir ausländische Organisationen um Beistand bitten müssen.
Auch die regionalen Politiker sind für den Bau. Dabei dürfte klar sein, daß es ohne irgendeine materielle Hilfe ihrerseits auch nicht gehen wird.

Was halten Sie vom Deutsch-Russischen Haus in Kaliningrad?
Der Direktor, Herr Friedemann Häcker, ist ein guter Freund von uns. Vor kurzem feierten wir gemeinsam Chanukka. Ins Deutsch-Russische Haus kamen Vertreter aus fünf Gemeinden, der Gouverneur nahm an der Feier ebenfalls teil. Auch aus der Stadtverwaltung waren Vertreter gekommen. Wir empfanden, daß alle Nationalitäten miteinander auskommen können. Das Deutsch-Russische Haus ist an sich ein sehr gastfreundlicher Ort.

Was bewog Sie dazu, die Gemeindeleitung zu übernehmen?

Als hier vor einem Jahr angesehene Rabbiner aus dem Ausland zu Besuch waren, waren sie über das karge Gemeindeleben erschreckt. Gottesdienste fanden gar nicht statt.
Ich komme selbst aus Rostow und hörte sehr viel über Königsberg. Die Gebetsbücher, die ich benutzte, wurden in Königsberg herausgegeben. Ich sah, daß es hier noch viele Juden gibt, die sich auf ihre Wurzeln und Kultur besinnen. Das jüdische Leben blüht sichtbar auf. Hier zu arbeiten, ist besonders erfreulich, weil man Früchte seiner Arbeit sieht. Wir wollen am Leben unserer Stadt aktiv teilnehmen.
Wie viele Juden auch das Land verlassen mögen, so bleiben doch viele hier, weil sie ihr Leben in Verbindung mit Rußland sehen wollen. Oft wandern sie aus, weil sie sich hier geistig nicht verwirklichen können.

Ist das Interesse aus dem Ausland an Ihrem Wirken hier groß?
Das Interesse ist enorm und aufrichtig. Aus aller Welt gehen bei mir Anrufe ein, man fragt, wie man helfen könne. Den hier lebenden Juden muß bewusst werden, daß sie nicht allein gelassen, sondern von der Welt beobachtet werden.

Das Interview führte Alexej Schabunin




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Quelle:Russ. Zentralbank