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Nachrichten aus Kaliningrad
Nr. 5 - Mai 2013 - 21. Jahrgang Dienstag, 21. Mai 2013 |
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Geschichte & Gegenwart 29. 06. 2012
Weedern wiehert wieder
Als Pferdezuchtbetrieb hat Weedern (heute Suworowka) die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts überdauert. Es ist auch heute noch ein Gestüt, eines der bekanntesten in Russland. Hier werden Pferde der Trakehner, Holsteiner und Hannoveraner Rasse gezüchtet.
![]() Die wie für die Ewigkeit gebauten Gebäude des Gestüts beeindrucken noch heute: großartig und solide. Foto: I.S. Die Geschichte des Gestüts in Weedern (heute Suworowka) lässt sich bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Überlieferungen zufolge soll das Landgut 1800 gegründet worden und damals 1.276 Hektar groß gewesen sein. Rassenpferde wurden in dieser Gegend auch früher gezüchtet, dies fast 100 Jahre vor der Gründung des Gestüts.
Das Landgut Weedern gehörte 1826 Alexander von Neumann. Nach dessen Ableben übernahm sein Sohn die Führung des Gestüts und widmete sich dieser Aufgabe bis 1883, als er seinerseits das Zeitliche segnete. Die Erbin, Luise von Neumann, heiratete 1894 Eberhard von Zitzewitz, der sich gleich nach der Heirat sehr interessiert und tatkräftig der Pferdezucht zuwandte. Von Zitzewitz erwies sich als überaus fleißiger, unermüdlicher und erfolgreicher Geschäftsmann. Ihm ist es zu verdanken, dass die Felder in und um Weedern entwässert, die Sümpfe trockengelegt und die entstandenen Wiesen mit Bäumen bepflanzt wurden. Von Zitzewitz sorgte für eine wesentliche Vergrößerung der Herde seiner Rassepferde und legte für sie einen Stammbaum an. Weedern begann sich rasch zu entwickeln, auch im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion, und gelangte recht bald zu Bekanntheit als Stammzuchtbetrieb für reinrassige Pferde in ganz Ostpreußen und sogar weit über dessen Grenzen hinaus. Das Landgut und Gestüt Weedern setzte sich aus einem weitläufigen Herrenhaus inmitten eines wunderschönen Gartens, zahlreichen Ställen, einem Reitplatz und mehreren Wirtschaftsgebäuden zusammen. Alles zusammen bildete auf dem Gelände in der Draufsicht ein Rechteck, in dessen Mitte der Reitplatz zur Vorführung der Pferde positioniert war. Letzterer war mit Kopfsteinen bepflastert und zur Sicherheit der Pferde noch mit Sand bestreut. Weederns Teilnahme an der deutschen Pferdezuchtmesse 1910 wurde zu einem einzigartigen und vollen Erfolg. Eberhard von Zitzewitz wurde in die obersten Gremien mehrerer Verbände und Gesellschaften gewählt, so beispielsweise zum Präsidenten des „Reichsverbandes für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts“. Das Gestüt Weedern verkaufte nun jährlich auf verschiedenen Messen und Auktionen nicht unter 50 Hengs-te. Von 1900 bis 1945 wurden fast 300 Hengste an die preußische Gestütsverwaltung und circa 50 Hengste ins Ausland verkauft. Das Landgut Weedern erlitt im Ersten Weltkrieg schwere Zerstörung. Die Herde kam leider um 174 ihrer Pferde. Gott sei Dank konnte ihr wertvollster Teil rechtzeitig nach Pommern verbracht werden. Zu Kriegsende begann man mit dem Wiederaufbau des Gestüts. Dieser erfolgte in einer überraschend kurzen Zeit, sodass die Zahl der Stuten sehr bald auf 80 Tiere gebracht werden konnte. Zu Spitzenleistern der Pferdezüchter wurden in jener Zeit die Stute Fahne und der Hengst Bulgarenzar von Habakuk erklärt. Weedern stellte nun eine ernstzunehmende Konkurrenz für das Gestüt in Trakehnen, damals Nr. 1 in Preußen, dar. Von Zitzewitz hielt es nun für notwendig, ein neues Arbeitsprogramm zu starten, das er „Um der Zukunft willen“ betitelte. 1929 verschied seine Gattin kinderlos. Vier Jahre später heiratete der Witwer Anna von Sperber aus Kleszowen (heute Kutusowo). Wie er auch, gehörte sie zu einem alten Adelsgeschlecht, das sich seit langer Zeit mit der Pferdezucht beschäftigte. Die neue Lebensgefährtin war ihrem Mann in punkto Zielstrebigkeit und Tatkraft ebenbürtig. Die Fusion beider Gestüte brachte Weedern auf eine neue Entwicklungsstufe. Die Stuten, Fohlen und zweijährigen Jungtiere wurden von da an in Roseningkehn, Bidschunen (heute Resnikowo bzw. Prigorodnoje) und Weedern gehalten. Für die Pflege und Gesunderhaltung der Tiere war dies um einiges vorteilhafter. Die Felder des Landguts gliederte von Zitzewitz in einzelne, voneinander durch Zäune getrennte Grundstücke und ließ jedes davon einmal in sieben Jahren nutzen. 1934 starb Eberhard von Zitzewitz. Seine Witwe Anna führte das Familiengeschäft weiter und erwarb sich in den Fachkreisen ein hohes Ansehen als Kennerin und Beraterin in Sachen Pferdezucht. 1944 mussten 380 Arbeiter und Angestellte sowie 260 Pferde des Gestüts Weedern vor der anrückenden Front evakuiert werden. Wieder fanden sie in Pommern Zuflucht. Sobald der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wandelte die sowjetische Administration Weedern zu einer Art landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft um, die vom Militär verwaltet wurde. Arbeitskräfte wurden in der einheimischen deutschen Bevölkerung rekrutiert. Als die ersten russischen Übersiedler eintrafen, wurde die Sowchose „Osjorskij“ gegründet. Das Herrenhaus wurde zu deren Verwaltungszentrale bestimmt. Diese wurde in den 70er Jahren verlegt, damit im ehemaligen Gutshaus eine Schule untergebracht werden konnte. 2000 wurde im benachbarten Uschakowo eine neue Schule eröffnet und das Gutshaus ging in privaten Besitz über. Die Tochter Eberhard von Zitzewitz’, Erdmute, die bereits als zehnjähriges Mädchen auf Weederns Zuchtpferden bei deren Präsentationen geritten hatte, vermochte das Lebenswerk ihres Vaters in Schleswig-Holstein fortzusetzen. Sie schaffte es noch, bevor sie am 14. August 2011 starb, ihre einstige Heimat zu besuchen. Die Fortführung des Zuchtbetriebes hatte sie ihren Erben, Dr. Volker von Zitzewitz mit Frau Andrea und deren Tochter Zara Adie vermacht. Das ehemalige Landgut Weedern wird gegenwärtig mit Hilfe alter Bilder und Pläne rekonstruiert und restauriert. Die heutigen Besitzer haben die Zucht von Rassesportpferden wiederaufgenommen, sodass die alte Tradition und Ausrichtung des Ortes auf Pferdezucht aufgegriffen und weitergeführt wird. Das Gestüt zählt derzeit 120 Pferde, die in Übereinstimmung mit den international gültigen Standards gezüchtet und Interessenten für Reitausflüge und Springreittourniere zum Kauf angeboten werden. Es gibt auch eine Reitschule im Zuchtbetrieb. Das Gestüt hat eine Reithalle, einen Vorführungsplatz, eine Reitbahn mit Hürden, eine Wäsche und sogar ein „Solarstudio“ für Pferde bekommen. Die Inhaberin des Gestüts ist Elena Baturina, die Frau des ehemaligen Oberbürgermeisters von Moskau Juri Luschkow. Zu den Besitzungen Baturinas gehören auch landwirtschaftliche Nutzflächen (4.000 Hektar), die agrarisch bewirtschaftet werden, und mehrere Verarbeitungsbetriebe. Das Fazit dieser kurzen Übersicht des geschichtlichen Entwicklungsweges des ruhmreichen Gestüts könnte etwa so in Worte gefasst werden: Die Ausrichtung Weederns auf Pferdezucht hat die Kriegswirren des 20. Jahrhunderts überdauert. Es ist auch heute noch ein Gestüt, eines der bekanntesten in Russland. Hier werden Pferde der Trakehner, Holsteiner und Hannoveraner Rasse gezüchtet. Der Ort ist derselbe, nur der Name ist anders: Suworowka statt Weedern… (kinfa) |
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