Wirtschaft
29. 06. 2012
Von Ochsenpflug in Afrika zu Milchvieh-Agrobusiness in Russland
Er, ein gebürtiger Hamburger, und sie, eine Moskauerin, lernten einander in Afrika kennen und lieben. Als Ehepaar brachten sie drei Töchter zur Welt. Seit fast zwanzig Jahren leben und arbeiten sie auf dem Land bei Gusev (ehem. Gumbinnen).

Thassilo von der Decken und seine Frau Valentina: Nach getaner Arbeit ist gut ruhen. Foto: I.S.
Der Landwirt Thassilo von der Decken und seine Frau Valentina kamen in den 90er Jahren ins Gebiet Kaliningrad, Rayon Gusev, mit dem Dienstauftrag, die Umsetzung eines deutsch-russischen Kooperationsprogramms auf Rayonsebene zu betreuen. Er sprach damals kein Wort Russisch, sie konnte kein Deutsch, sodass sie sich untereinander auf Französisch verständigen mussten. Angehende russische Landwirte, denen sie als landwirtschaftliche Berater beistanden, staunten zuerst, dass bei Gesprächen nicht ins Deutsche, sondern ins Französische gedolmetscht wurde. Sie gewöhnten sich aber bald daran. Es kam ja nicht auf die Sprache, sondern auf den Inhalt der Rede an. Was der Deutsche ihnen als Berater sagte, hatte immer Hand und Fuß. Die Agroservice-Firma, die Thassilo von der Decken leitete, stellte den Bauern Landtechnik und hochwertiges Saatgut kostenlos zur Verfügung, sowie Hilfe mit Düngern, Herbiziden, Baustoffen, Werkzeugen und Maschinen zur Ausstattung von Werkstätten und einer Getreidetrocknungsanlage.

Als Erstes schlug Thassilo von der Decken den Bauern des Rayons vor, eine Genossenschaft zur gemeinsamen Nutzung von Landtechnik zu gründen. Die Reaktion war anfänglich ein schroffes Nein: „Schon wieder eine Kolchose!? Auf keinen Fall, davon haben wir schon lange die Nase voll!“ Es kostete den Deutschen mehrere Monate hartnäckige Überzeugungsarbeit, bis die Bauern endlich willens waren, an der Ausarbeitung von Gründungsverträgen und Satzungen mitzuwirken.

Acht Produktionsgenossenschaften im Rayon, denen insgesamt 120 selbstständige Bauern, sprich Landwirte, beitraten, war das Ergebnis dieser Bemühungen.

Er, Thassilo, spricht jetzt Russisch – zwar mit Akzent – jedoch fließend. Um seine Ziele zu erreichen musste die Sprachbarriere überwunden werden. Sie, Valentina, hat sich in der Zwischenzeit gründliche Deutschkenntnisse angeeignet, steht ihrem Mann also in dieser Beziehung nicht nach. Das Französische, dessen sie sich meist im Familienalltag bedienen (ihre Töchter Angela und Anouk haben eine französische Schule besucht) stammt übrigens aus dem afrikanischen Land Togo, wo die beiden sich kennen gelernt hatten. Valentina arbeitete dort, nachdem sie in Moskau ihren Hochschulabschluss in Fleisch- und Milchwirtschaft abgeschlossen hatte. Thassilo kam im Rahmen eines Arbeitsvertrags nach Togo. Sie unterrichtete togolesischen Kindern Mathematik in einer Schule, er brachte den Einheimischen moderne Methoden des Reisanbaus bei und lernte selbst wie man den Boden mit Ochsen pflügte. Natürlich hatten sie damals keine blasse Ahnung davon, dass sie einmal Landwirte in einer russischen Provinz werden würden und ihre Fachkenntnisse bei der Führung einer eigenen Milchfarm praktisch einsetzen könnten.

„Als Landwirt und Mechaniker weiß ich, was ich tun muss, wenn beispielsweise beim Melken plötzlich der Strom ausfällt. Ich fahre mir einfach einen Traktor an den Kuhstall und treibe mit seinem Motor die Melkanlage an“, sagt Thassilo. „Ich weiß ferner, dass der Kraftstoffverbrauch eines Traktors von der Pflugtiefe abhängig ist und dass es dabei auch noch auf die Jahreszeit ankommt.“ In der Tat: Thassilo versteht es Kühe zu melken, Traktoren zu fahren und Melkanlagen zu bedienen. Er kennt sich in ökologischen als auch in wirtschaftlichen Fragen des Agrarbusiness aus. „Ein Bauer muss alles mit eigenen Händen machen können. Er muss jeder Aufgabe gewachsen sein“, fährt Thassilo mit seinen Ausführungen fort. „Weiß er was nicht, hat er seine Frage klar in Worte zu fassen und einen Fachmann um Rate zu fragen.“

„Alles, was wir an Besitz haben, sehen Sie hier unter freiem Himmel liegen. Das ist uns zu sehr ans Herz gewachsen, als dass wir uns jetzt auf etwas anderes verlegen könnten“, sagt Thassilo. „Obwohl wir auch meckern können, über das Wetter oder die Erträge. Das tun aber alle Bauern, das gehört sozusagen zum Beruf. Einen Großteil des erwirtschafteten Geldes stecken wir wieder in unsere Wirtschaft. Was dann übrig bleibt, ist nicht viel. Die Motivation zur harten Arbeit ist eigentlich nur die Hoffnung, dass es unsere Kinder einfacher haben werden und es unseren Enkelkindern sogar überaus gut gehen wird.“

Heute sind Valentina und Thassilo von der Decken stolze Besitzer einer Milchfarm mit 200 Milchkühen. Die Strapazen der Anlaufphase haben sich nach und nach mit einer Art nostalgischem Schleier bedeckt. Ja, es war damals zum Lachen und zum Weinen zugleich, als sie die ersten selbstständigen Bauern überreden mussten, die Grundregeln der Agrarwirtschaft ordentlich einzuhalten. Oder als sie ihnen diese Grundregeln in Riesenlettern auf Papier schrieben und als Plakate an verschiedenen Orten aufstellten. „Wie viele Male soll ich es euch noch sagen: die Erde will wie eine Frau, d.h. mit Liebe und Sorge behandelt werden“, – Thassilo wurde nicht müde, den Bauern eine ordentliche Arbeitsmoral beizubringen. „Eine schlechte Arbeit kostet euch im Endeffekt viel mehr Geld. Ohne Futter gibt es keine Milch, ohne Dünger keine guten Erträge. Und die Hauptsache: Macht alles zur rechten Zeit!“ Seine Bemühungen krönten sich letztendlich mit Erfolg: Die Agrarier, die er betreute, erzielten als erste im Gebiet Getreideerträge von bis zu 45 Zentner pro Hektar (Anm. des KE: 1 russischer Zentner wiegt 100 Kilogramm). „Freilich sind von jenen ersten, selbstständigen Bauern nur etwa zehn im Beruf geblieben. Sie stehen aber fest auf den Beinen und bilden jetzt selbst Nachwuchs für sich aus. Bei den Tschetschulins und den Worobjewskijs arbeiten je zwei ihrer Söhne, bei Dawid Kraus drei und bei Lena Wilt ein Sohn in ihrer Wirtschaft. Das ist normal, so ist es, wenn sich eine Bauernwirtschaft in der Aufbauphase befindet“, schluss-folgert Thassilo.

Meine Frage, ob sich ihr eigener Nachwuchs mit der Milchfarm der Eltern verbunden fühlt, lässt beide zufrieden lächeln. Ja, Thora, die jüngste Tochter, sie studiert jetzt BWL, hat kürzlich erklärt, sie möchte sich auf Agrarwirtschaft spezialisieren. Kein Wunder, sie hatte sie ja von Kindesbeinen an vor Augen. Gott sei Dank, sie wird nicht wie ihre Eltern von Null anfangen müssen!

Galina Beloglasowa



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Quelle:Russ. Zentralbank