Kultur
27. 05. 2011
Flussgeschichte als Kulturgeschichte – Uwe Rada entlang der Memel
Der Publizist und TAZ-Redakteur Uwe Rada hat ein Buch über die Memel verfasst. Darin schildert er verschiedene historisch-kulturelle Facetten eines europäischen Stroms, der heute die Ostgrenze der Kaliningrader Oblast bildet.
„Von der Maas bis an die Memel.“ So werden in der ersten Strophe von Hoffmann von Fallerslebens Deutschlandlied die Ost- und Westgrenze des Deutschen Territoriums beschrieben. Heute grenzen weder Maas noch Memel an die Bundesrepublik. Der „verlorene Strom Ostpreußens“ bildet gegenwärtig auf einer Länge von gut 110 Kilometer die Grenze zwischen Litauen und dem Gebiet Kaliningrad. Davor fließt die Memel durch weite Teile Weißrusslands und durch das südliche Litauen.

„Mir ist aufgefallen, dass die Länder, für welche die Memel von Bedeutung ist, eine sehr eingeschränkte Wahrnehmung dieses Flusses haben“, meint Rada im Gespräch mit dem KE. „So wurde in Deutschland nur der untere, durch das ehemalige Ostpreußen führende Flusslauf als Memel bezeichnet. Der restliche Abschnitt des Flusses war in der deutschen Wahrnehmung völlig unbedeutend. Deshalb wurde für ihn auch ein slawischer Name beibehalten: Neman.“

Das Buch über die Memel ist Radas zweites Werk dieser Art. Vor zwei Jahren hatte er bereits eine Geschichte der Oder veröffentlicht. „Ich bin überzeugt, dass ein Fluss seine eigene Geschichte hat und dass diese sich von der Geschichte der Staaten, die er durchfließt, unterscheidet“, begründet Rada seine Herangehensweise. „Bei meinen Arbeiten über die Oder habe ich festgestellt, dass sich deren Wahrnehmung in den letzten zwanzig Jahren grundlegend geändert hat: Von einem Synonym für die deutsch-polnische Grenze ist die Oder zum Symbol des gemeinsamen Zusammenlebens geworden. Ich wollte herausfinden, ob eine solche Entwicklung für die Memel auch denkbar ist.“

Entlang der Memel verlief die Geschichte, so Rada, oftmals in kulturell vielseitigen, multinationalen Mustern. Am Neman hätten immer verschiedene Kulturen gelebt: Weißrussen, Polen, Juden, Deutsche, Russen, Litauer. Selbst nach dem Zweiten Weltkrieg sei das Gebiet verhältnismäßig multikulturell geblieben.

Im Unterschied zur Oder hat die Memel ihre Grenzfunktion jedoch nicht abgelegt, sondern vielmehr gefestigt. Für die Einwohner der Stadt Sowjetsk (ehem. Tilsit) beispielsweise ist der Neman heute die Grenze zu Litauen – und nicht ein Raum des gegenseitigen Austausches, welcher wegen des Visumregimes nur spärlich stattfindet.

Völkerverbindende Erinnerungsorte lassen sich am Nemunas, wie der Strom auf litauisch genannt wird, dennoch ausmachen. Rada nennt das Beispiel der 1907 errichteten Memelbrücke zwischen selbigem Sowjetsk und dem litauischen Pegegiai. Seit 2007 trägt diese wieder den Namen Königin-Luise-Brücke. Die preußische Königin steht für eine starke Verbindung zwischen der Hohenzollern- und der Romanowdynastie, ist also ein Symbol deutsch-russischer Freundschaft. Ihre Figur ermöglicht eine Besinnung auf die regionale Vergangenheit, welche nicht im Widerspruch zum russischen Geschichtsbild steht. Luise wird übrigens im gesamten Kaliningrader Gebiet neu entdeckt. So soll ihr beispielsweise bald in Kaliningrad ein Denkmal geweiht werden.

Rada geht noch auf weitere solcherlei verbindende Elemente ein und zeigt dadurch auf, dass dieser Fluss neben eingeschränkten, nationalen Sichtweisen auch zahlreiche gemeinsame, grenzüberschreitende Narrativen bietet. „Die Memel. Kulturgeschichte eines europäischen Stromes“ ist eine gelungene Verbindung historischen Arbeitens und journalistischer Reportage. Erschienen ist das Buch ist im Siedler-Verlag.

Adrian Lemmenmeier




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Quelle:Russ. Zentralbank