Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Kultur
Die Bastion Grolman
Hinter den dicken Mauern der Pregelstadt

KE-Stadtrundgang im Zeichen der bevorstehenden 750-Jahrfeier von Königsberg-Kaliningrad

Das Baudenkmal mit der bewegten vergangenheit liegt unweit der Hauptverkehrsadern Kaliningrads. Foto: I.S.
Geht man von der der heutigen Alexander-Newski-Straße (Cranzer Allee) am Ufer eines kleinen Baches, der einst ein Festungsgraben war, in Richtung Moskowski Prospekt, so kommt man bald an eine massive Festungsanlage, auf deren Mauern die Aufschrift “Bastion Grolman” zu sehen ist. Um die Buchstaben auf der Bastion zu finden, muss man jedoch etwas suchen, denn die Mauern weisen Spuren von unzähligen Kugeleinschüssen und Granatsplittern aus dem Zweiten Weltkrieg auf.
Auf der Rückseite der Bastion Grolman, die zum Moskowski Prospekt zeigt, ist ein Emailleschild angebracht, das diese Festungsanlage als “Baudenkmal aus dem 16.-19. Jhdt. für regionale Bedeutung” bezeichnet. Allerdings gab es an dieser Stelle im 16. Jahrhundert statt einer Festung lediglich Weiden, Wälder und Bauernfelder sowie die Ortschaften Sackheim, Tragheim und einige andere, deren Namen noch aus der grauen preußischen Vorzeit stammen.
Die Bastion wurde von 1856 bis 1860 nach einem Konzept gebaut, dessen Autoren für die Geschichte leider unbekannt blieben. Nachdem die Festung fertiggestellt wurde, gab man ihr den Namen “Bastion Grolman” - zu Ehren des preußischen Feldherrn Karl Wilhelm von Grolman (1777-1843), der sich im nationalen Befreiungskrieg 1807-1815 gegen Napoleon besonders verdient gemacht hatte und nach dem Krieg der jüngste unter den Staatsmännern und Militärs wurde, die sich tatkräftig für eine Reform des preußischen Heeres einsetzten.
1807 war Karl Wilhelm von Grolman Offizier des preußischen Generalstabs, nahm aber trotz seiner hohen Position in der Militärhierarchie als einfacher Feldkommandeur an zahlreichen Kampfeinsätzen teil. Sein Mut und seine soldatische Leistung wurden mit einem Orden ausgezeichnet. Nach dem Abschluss des Tilsiter Friedens 1807 ging Grolman freiwillig nach Spanien, um dort gegen die napoleonischen Truppen weiter zu kämpfen.
Im Verlauf des Befreiungskrieges gegen Napoleon nahm er als Befehlshaber großer preußischer Heeresverbände an den Schlachten bei Herschen, Bautzen und Leipzig teil. Preußen bewahrte den Namen Grolmans für die späteren Generationen, indem es eine Bastion des Königsberger Befestigungsringes nach ihm benannte.
Die Bastion Grolman besteht aus folgenden Teilen: einem Erdwall, einem mit besonders hart gebrannten Ziegeln gebauten Reduit, dem Innenhof und einer Anzahl von zum Hinterland gekehrten Befestigungsanlagen. Im Erdwall gab es zwei Kaponiere, von denen das obere Geschützmannschaften beherbergte und das Artilleriefeuer in zwei entgegengesetzte Richtungen ermöglichte, und das untere die Bastion von vorne und im Bereich des Wassergrabens durch frontal- und schräggerichtetes Gewehr- und Artilleriefeuer beschützte.
Das hufeisenförmige Reduit stellte den Kernpunkt der ganzen Bastion dar und war als Fluchtburg und letzte Verteidigungslinie für die Soldaten der Bastion Grolman gedacht, sollte diese trotzdem vom Feind eingenommen werden. In Friedenszeiten diente das Reduit als Kaserne für die Garnison der Bastion.
Der Innenhof diente als Fläche zum An- und Abtransport sowie als Unterstand für die Geschütze der Bastion. Entlang des Hofrandes verlief ein Abflussgraben für Regen- oder Tauwasser, das vom Dach des Reduits herunterfloss, aufgefangen und in den Schutzgraben abgeleitet wurde.
Angaben über den Verlauf der Kämpfe um die Bastion Grolman im April 1945 sind sehr rar. Der Kommandant über die Festung Königsberg, General Otto Lasch, schrieb in seinen Memoiren: „Die Befestigungsanlagen des äußeren und des inneren Verteidigungsringes wurden als Verteidigungsstützpunkte genutzt. Im südlichen Frontabschnitt waren sie bereits am 9. April schwersten russischen Angriffen unterlegen. In der Bastion Grolman hatte die 367. Infanteriedivision ihren letzten Befehlsstand. Am 10. April war die Bastion von den Russen umzingelt, ihre Verteidiger traten kurze Zeit danach den langen Marsch in die russische Gefangenschaft an…”.
In der Nachkriegszeit engagierte sich kaum jemand für die Geschichte und die Zukunft der Königsberger Bastione. Man nutzte sie nicht als historische, architektonische oder Kulturdenkmäler, sondern missbrauchte sie als Lager- oder Werkstatträume. Zweckentfremdete Nutzung, Ausbleiben notwendiger Wartungs- und Ausbesserungsarbeiten, willkürlich gesetzte An- und Überbauten - all das führte zu einer vollständigen Verwahlosung der ehemaligen Festungsbauten. Gleiches Schicksal erfuhr auch die Bastion Grolman, die zurzeit etwa ein Dutzend formelle Besitzer aber keinen einzigen verantwortungsvollen Eigentümer hat.
Was braucht die Bastion jetzt am nötigsten? Sie muss endlich von den zahlreichen in der Nachkriegszeit entstandenen An- und Überbauten, Überdachungen und Abdeckungen befreit werden. Ihre Zweckentfremdung muss rückgängig gemacht werden. Man könnte hier sehr gut ein Cafe, eine Gaststätte oder eine Bar, aber auch eine Kunst- oder eine Museumsausstellung einrichten. Die Bastion soll für die Besichtigung durch Touristen freigegeben werden, denn sie war und ist ein Denkmal für Geschichte und militärische Baukunst. Die Bastion Grolman erfüllt in vollem Umfang die Hauptanforderung, die der altrömische Baumeister Markus Vitruvius Pollion für Bauwerke jeder Art auf die Formel „Nutzen, Festigkeit und Schönheit” brachte. Zurzeit wird in der Bastion Grolman ein Fortifikationsmuseum eingerichtet, das die Parole noch deutlicher zur Geltung bringen soll.

Avenir Owsjanow, Heimatforscher




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Quelle:Russ. Zentralbank