Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Wie viel Platz gibt es für Immanuel Kant im heutigen Kaliningrad?
Kants 290. Geburtstag wurde in unserer Stadt mit gewohnter Routine abgehalten: Die Zeremonie im Dom, Kranzniederlegungen am Grab und eine wissenschaftliche Konferenz an der Universität – wo denn sonst, schließlich trägt Letztere ja stolz seinen Namen.

Das Kant-Grab an der Nordmauer des Doms war und ist für viele Kaliningrader eine heilige Stätte. Foto: I.S.
Das gewöhnliche Programm wurde durch Gäste aus Deutschland aufgepeppt; eine Gruppe, welche auf Initiative der Berliner Gesellschaft „Freunde Kants und Königsbergs“ zusammenkam.

Unter den Teilnehmern waren nicht nur Königsberg-Liebhaber, sondern auch direkte Nachkommen namhafter ostpreußischer Familien wie zum Beispiel Hagen (verwandt mit dem Astronomen Bessel und dem Physiker Neumann) oder sogar Nachfahren von Kants engsten Freunden wie Marianne Motherby (der Engländer Robert Motherby war Vermögensverwalter und enger Freund des Philosophen).

Man konnte den Geist des bekanntlich eifrigen Gastgebers Immanuel Kant förmlich spüren, als am 22. April im Deutsch-Russischen Haus das traditionelle „Bohnenmahl“ stattfand und die „Bohnenkönigin“ Lilo Oberli die obligatorische Tischrede hielt. Ja, auch solche Tafelfreuden gehören zur Pflege der Traditionen und des Kant’schen Geistes im modernen Kaliningrad. Ohne materielle Unterstützung kann selbst der höchste Geist nicht überleben!

Im übertragenen Sinne könnte man sagen, das alte Königsberg soll in den sichtbaren Spuren seiner Geschichte weiterleben. Doch damit sieht es traurig aus. Es ist natürlich ungemein leichter, die Bohnenmahl-Tradition wiederzubeleben, als das Landhaus, in welchem der junge Gelehrte Kant als Hauslehrer diente, zu sanieren und in die touristischen Routen einzubauen. Die visuellen Spuren von Immanuel Kants Anwesenheit werden in seiner Heimat leider immer rarer.

Einer hat es deutlich auf den Punkt durch die Frage gebracht: Lebt das geistige Erbe von Immanuel Kant im heutigen Kaliningrad? Michael Wieck hat sie gestellt, der mittlerweile 86-jährige Königsberger und Autor der berühmten Erinnerungen „Der Untergang Königsbergs“. Er fühlt sich mit seiner Heimatstadt immer noch aufs Engste verbunden. Noch vor zehn Jahren war seine diesbezügliche Position eher skeptisch gewesen, doch im Deutsch-Russischen Haus äußerte sich Michael Wieck erstaunlich optimistisch, er erinnerte sich an seine Mutter, die den großen Landsmann fast wortwörtlich zitiert haben soll. So sei Immanuel Kant ständig im Tagesgeschehen der damaliger Königsberger präsent gewesen.

Leider kann heute von einer solch innigen Verbindung keine Rede mehr sein. Lediglich das Kant-Grab, die Plakette mit dem berühmten Spruch über die Sterne und das moralische Gesetz sowie das Kant-Denkmal, welches nur dank dem eisernen Willen von Marion Gräfin Dönhoff und dem kräftigen Beistand von Dr. Friedrich-Wilhelm Christians von der „Deutschen Bank“ 1992 wiederaufgestellt wurde. Doch: Eine Straße ist nach Kant benannt worden – es ist aber die am wenigsten frequentierte, die leerste Straße – eine zentrale Allee auf der Insel Kneiphof mit einem einzigen Bau darauf, dem Dom.

Die heutigen Stadteinwohner stellen ihre Uhren nicht mehr nach der Kant’schen Pünktlichkeit.

Swetlana Kolbanjowa




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Quelle:Russ. Zentralbank