Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Das Niemandsland gibt ein Geheimnis preis
Der Kaliningrader Kulturgutforscher Avenir Owsjanow entdeckt bei Mamonowo (Heiligenbeil) das verschollene Wehrmachts-Archiv der 4. Armee.

Foto I. S.: Der Heimatforscher Avenir Owsjanow arbeitet an den wertvollen Fundstücken.
Das Niemandsland zwischen dem russischen und dem polnischen Grenzzaun nördlich von Mamonowo ist seit Jahrzehnten eine verbotene Welt. Kaum ein Mensch hat den isolierten Sperrstreifen nahe des Frischen Haffes bis heute betreten, Wildnis überwucherte das Gelände. Doch kaum einen Spatentief unter den Blättern und Wurzeln liegen unberührt die Trümmer des Krieges, eine durch den Fleischwolf des Heiligenbeiler Kessels getriebene Welt. „Es ist unvorstellbar. Man stößt dort ein wüs-tes Durcheinander von Waffen aller Art, Patronen und Granaten, dazwischen Hausrat und Werkzeuge, wir fanden ein ganzes Lager mit original verpackten Medikamenten, dazwischen Konservendosen, Funkgeräte, Telefone, Pferdegeschirr, menschliche Überreste“, sagt Avenir Owsjanow, Leiter des Kaliningrader Staatsfonds zur Suche nach Kulturgütern im ehemaligen Ostpreußen. „Wenn man das alles ausgräbt, bekommt man einen Eindruck, wie erbittert die Kämpfe im Heiligenbeiler Kessel gewesen sind.“
Mitten in dieser Trümmerschicht der Vergangenheit, bislang wegen ihrer isolierten Lage vor den skrupellosen Raubgräbern geschützt, gelang dem 67-Jährigen Mitte Juni ein bedeutsamer Fund: In einem Erdversteck entdeckte sein Team den Panzerschrank mit dem Archiv der 4. Armee der Deutschen Wehrmacht, die hier Anfang 1945 bis zu ihrer Auflösung am 7. April in schweren Rückzugsgefechten kämpfte. Zwölf Aktenordner, hunderte Seiten Befehle und Berichte, nüchtern maschinegeschrieben und hektisch von Hand, das Papier ist nass, aber fast durchweg gut lesbar. Den Inhalt sichtete Owsjanow nur oberflächlich, doch er ist sich sicher: „Die Auswertung dieser Dokumente wird für die Militärhistoriker von sehr großem Wert sein.“
Begonnen hat die Geschichte der Suche nach dem verschollenen Archiv vor drei Jahren. Damals bekam Avenir Owsjanow in seinem Büro in der Uliza Leonowa plötzlich Besuch von zwei Deutschen, die sich als ehemalige Offiziere der 4. Armee vorstellten, ihm anhand von Karten und Zeichnungen den dramatischen Verlauf der Kämpfe schilderten und immer wieder von den Akten des Stabes sprachen – die sie wohl eigentlich selbst gesucht hätten, doch in das Grenzsperrgebiet war im Guten nicht hineinzukommen. Die Dokumente, so berichteten die betagten Herren dem pensionierten Oberstleutnant der Sowjetarmee, die Dokumente seien auf dem Rückzug aus dem brennenden Heiligenbeil in Richtung Balga mitgenommen und unterwegs auf ein Fuhrwerk umgeladen worden, weil der Lkw einen Treffer abbekam. Schließlich habe man die in Eisenschränken verschlossenen Papiere in einem Erdloch im Wald vergraben. Wo sie eigentlich noch liegen müssten.
„Die Ortsangaben der Deutschen waren natürlich ziemlich ungenau, dazu waren die Ereignisse damals ja auch viel zu dramatisch“, sagt Owsjanow. Als er und sein Grabungsteam dann nach wochenlangem Warten auf Genehmigungen und mit einem Dutzend Sondergenehmigungen endlich das heutige Niemandsland betraten, stellten sie fest, dass sich das Gelände völlig verändert hatte. „Alles ist dort verwildert, man erkennt die alten Strukturen nur mit Mühe.“ Auf einem mehrere Quadratkilometer großen Streifen Wildnis begannen sie die Grabungen. Von gezielt konnte keine Rede sein: Das Metallsuchgerät spielte unentwegt verrückt, so sehr steckt die Erde voller Trümmer. Dazu Munition, Granaten, und immer noch viele Minen. Eine lebensgefährliche Aktion.
Dann, nach vielen Monaten mühsamen Suchens, der erste Erfolg: ein Safe mit Büro-Utensilien, Siegeln, Eisernen Kreuzen, persönlichen Unterlagen ranghoher Offiziere. „Da waren wir uns sicher, auf Material gestoßen zu sein, das zum Stab gehörte“. Doch es sollte noch ein ganzes Jahr dauern, bis man den in einem Meter Tiefe vergrabenen Eisenschrank mit dem Archiv entdeckte. Es grenzt an ein Wunder, dass die Papiere zwar nass, aber ansonsten lesbar und in erstaunlich unversehrtem Zustand waren.
Bei der Dokumentensammlung handelt es sich nach bisherigen Erkenntnissen um Befehle des Wehrmacht-Oberkommandos (OKW) an die Armeeführung in Heiligenbeil, sowie um Lageberichte. Das Kriegstagebuch der Wehrmacht-Heeresgruppe Mitte und der zu ihr gehörenden 4. Armee bricht im September 1944 ab, alle übrigen Dokumente galten als verschollen. Aus der Auswertung vor allem der Schriftstücke dürfen sich die Forscher nun detaillierte Kenntnis über die Endphase des Zweiten Weltkrieges erhoffen. Sensationen freilich sind nicht zu erwarten.
Inzwischen lagern die wertvollen Dokumente in einem Kühlschrank des Moskauer Militärarchivs. Dorthin wurden die Aktenordner umgehend ausgeflogen, um sie zunächst zu konservieren. „Wir haben hier weder die Mittel noch die Fachleute für solche Aufarbeitungen“, sagt Owsjanow. „Das Papier wäre schnell zerfallen und dann wertlos.“ Zudem sind Spezialkenntnisse nötig, um die Dokumente auszuwerten – ein Wissen, über das auch Owsjanow nicht verfügt, er lehrte früher Festungsarchitektur an der Kaliningrader Militärhochschule.
Ob die Unterlagen je wieder nach Kaliningrad zurückkehren werden, ist fraglich. Immerhin will Owsjanow die im Rahmen der Grabungen im Niemandsland geborgenen Funde, es sind mehrere hundert, in den Fundus eines geplanten Militärhistorischen Museums einfließen lassen. Das Museum soll auf dem Gelände des sogenannten Forts Nr. 5 entstehen – einer Festungsanlage an der Stadtausfahrt in Richtung Swetlogorsk (Rauschen).
Thoralf Plath



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Quelle:Russ. Zentralbank