Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Auferstehung aus Ruinen
Mit einem festlichen Gottesdienst ist am 20. Juni die alte Ordenskirche von Groß Legitten im heutigen Turgenewo nach fast zehnjähriger Restaurierungsarbeit wieder eingeweiht worden.

Foto I. S.: Die alte Ordenskirche von Groß Legitten/Turgenewo ist nun wieder evangelisches Gotteshaus.
Die evangelisch-lutherischen Christen des Dorfes können künftig ihre Gottesdienste nicht mehr nur in ihrem Gemeindehaus, sondern auch nebenan unter dem wiederhergestellten gotischen Sternrippengewölbe feiern.
Wo immer in den letzten Jahren die Rede war von der Groß Legittener Kirche, fiel der Name Margarethe Pulver. Die couragierte Professorin aus Pulheim verfolgte die Idee, die verfallene Kirchenruine in ihrem Heimatdorf wieder aufzubauen, ostpreußisch hartnäckig und mit einer Zielstrebigkeit, die selbst größten Zweiflern Respekt abverlangte und sich am Ende durchsetzte, wie man nun sehen kann. Applaus ist nicht eben üblich in einer Kirche, doch der Beifall für Margarethe Pulver im Einweihungsgottesdienst wollte gar kein Ende nehmen.
Aber die Auferstehung dieses Gotteshauses ist ja auch wirklich ein kleines Wunder. Viele Jahre stand die um 1400 erbaute Kirche, deren Turm der Königsberger Astronom Friedrich Wilhelm Bessel im 19. Jahrhundert als Fixpunkt für seine Vermessungen nutzte, als erschütternde, dem scheinbar unaufhaltsamen Untergang geweihte Ruine an der Straße von Kaliningrad nach Polessk. Den Krieg hatte sie völlig unbeschadet überstanden, war später wohl eine Weile als Lager genutzt worden. Schließlich stand sie leer und offen, verkam zu Steinbruch, Müllkippe, brannte mehrfach und stürzte Stück für Stück in sich zusammen. Ein Schicksal, das das Bethaus mit vielen im Kaliningrader Gebiet teilte. Kaum jemand hielt die Rettung der Ruine noch für möglich.
Auch der Wiederaufbau selbst geriet immer wieder ins Stocken durch bürokratische Hürden, Verständigungsprobleme, groben Baupfusch und Geldnot, mancher im eigens gegründeten Förderverein warf angesichts der vielen Rückschläge das Handtuch. Zumal die spätere Nutzung der Kirche lange Zeit eine offene Frage war: Was stellt man an mit einem so großen Bethaus in einer Region, in der christliches Leben erst wieder Fuß fassen muss nach vielen Jahrzehnten des Religionsverbots, in der christliche Gemeinden ihr Selbstverständnis erst finden müssen? In der Übertragung an die evangelische Kirche zur Nutzung durch die ebenfalls junge, neu entstandene evangelische Gemeinde von Turgenewo fand man schließlich eine offenbar ideale Lösung.
Heye Osterwald, Propst der evangelisch-lutherischen Kirche im Kaliningrader Gebiet, wird dies möglicherweise etwas differenzierter sehen. Der Pastor ging in seiner Predigt zwar sehr intensiv und bewusst darauf ein, wie wichtig solche jahrhundertealten sakralen Räume für die Seele und die Glaubenserfahrung seien – zumal in einer Region, in der es kaum noch Kirchen gibt, so dass sich junge christliche Gemeinden in lieblosen Kulturhäusern, Bibliotheken und manchmal privaten Wohnzimmern versammeln müssten.
Zugleich aber kam Pastor Osterwald nicht umhin, die finanziellen Belastungen zu erwähnen, die so eine Kirche für die Propstei bedeutet. Denn noch ist der Wiederaufbau nicht abgeschlossen, was schon die Bestimmung der Kollekte am Weihesonntag markierte: Das Geld ist für einen Zaun um das Kirchengrundstück bestimmt. Im Gottesdienst flossen die Gaben dank der deutschen Gäste reichlich.
Doch so wird es nicht immer sein – und bei allem, was mit Bauen zu tun hat, zählt Kaliningrad inzwischen zu den teuersten Regionen Russlands. Und der Propstei fehlen die Mittel an allen Ecken und Enden. So sieht Osterwald die nach Gwardejskoje (Mühlhausen), Slawsk (Heinrichswalde) und Gussew (Gumbinnen) nun vierte historische ostpreußische Kirche im Inventar der evangelisch-lutherischen Gemeinden wohl mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Während des festlichen Einweihungsgottesdienstes indes überwog bei ihm ebenso wie seinem aus Deutschland angereisten Amtsvorgänger Erhard Wolfram, bei Gemeindepastor Wladimir Micheles und bei den vielen Gratulanten aus der gesamten Propstei aber deutlich die Freude: „Es ist ein wirklich großer und wichtiger Tag für die Gemeinde hier in Turgenewo und unsere evangelische Kirche im Kaliningrader Gebiet.“
Thoralf Plath




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Quelle:Russ. Zentralbank