Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Kultur
Die Kronprinz-Kaserne
KE-Rundgang im Zeichen der bevorstehenden 750-Jahrfeier von Königsberg-Kaliningrad

Foto I.S.: Der wuchtige Mittelturm ist mit Brustwehrzacken verziert.
Hinter den dicken Mauern der Pregelstadt

Das langgestreckte Gebäude der Defensionskaserne Kronprinz liegt an der ehemaligen Litauischen Wallstraße, die ihren Namen beibehalten hat und auf Russisch Uliza Litowski Wal heißt. Das Bauwerk wird heute nicht mehr zu militärischen, sondern zu Gewerbezwecken genutzt. Man nennt es trotzdem nach wie vor die Kronprinz-Kaserne, vielleicht weil der Name, in großen Lettern gezeichnet, noch immer am gewaltigen Wehrturm des Bauwerks prangt.
An der Fassade der Kronprinz-Kaserne ist eine Plakette mit folgender Inschrift angebracht: "Diese Festung aus dem 18. Jahrhundert steht auf der Denkmalliste und unter staatlichem Schutz". Nur der Passus über die Liste stimmt an der Plakette, der Rest ist nicht wahr. Erstens ist die Defensionskaserne nie eine Festung gewesen; sie hat sich von Anfang an innerhalb der Festung Königsberg befunden. Zweitens ist sie rund hundert Jahre jünger, und drittens ist hier niemand um ihren Schutz besorgt.

Der Name der Kaserne geht wahrscheinlich auf Kaiser Wilhelm I. zurück. Man nennt ihn den Großen Kaiser, weil unter seiner Herrschaft die deutschen Fürsten- und Herzogtümer zu einem einheitlichen Deutschen Reich vereint wurden.

Die Kronprinz-Kaserne wurde 1849 nach einem Projekt erbaut, das eine Architektengruppe unter der Leitung von Generalleutnant Aster erstellt hatte. Im "Lexikon der Stadt Königsberg (Pr.) und Umgebung" (Rautenberg-Verlag 1985) heißt es, dass die Befestigungsanlagen in Königsberg unter Berücksichtigung der russischen Vorschläge aus dem Jahr 1842 gebaut wurden. Um was für Vorschläge ging es damals? Versucht man diese Frage wissenschaftlich zu ergründen, so kommt man zu der Vermutung, dass ein Prototyp der Königsberger Defensionskaserne die Geschützanlage "Zitadelle" in dem bei St. Petersburg gelegenen Flottenstützpunkt Kronstadt war. Im Jahr 1834 wurde die "Zitadelle" von dem russischen Militäringenieur Generalleutnant Carbonier zum Fort "Kaiser Peter I." umgebaut. Merkwürdig ist, dass die Anordnung einzelner Bauten im Fort "Imperator Peter I." der in der Kronprinz-Kaserne verblüffend ähnlich ist. Aber auch einige bautechnische Lösungen, die beim Bau der Kronprinz-Kaserne zur Anwendungen kamen, sind offensichtlich russischen Ursprungs. Plan und Konstruktion des Forts "Alexander I." in Kronstadt liefern dafür eindeutige Belege.

Die Kaserne weist einen U-förmigen, 150 Meter langen Hauptteil auf, an den zwei Seitenflügel stumpfwinklig angebaut sind. Dahinter gibt es zwei je 67 Meter lange Rechteckbauten, zwischen denen ein Turm von 20 Metern Durchmesser steht. Die Kaserne war einst von einem mit dem Oberteich verbunden Wassergraben umgeben.

Den Eingang zur Kaserne bildete ein großes aus Eichenholz gefertigtes und mit einer Zugbrücke versehenes Tor. An der Stelle der jetzigen Fenster gab es früher Geschützscharten der Kasematten; das Dach war als offene, mit einer zackenförmigen Brustwehr versehene Verteidigungsfläche angelegt.

Die Kronprinz-Kaserne ist nicht nur ein historisches Denkmal der Befestigungskunst, sondern auch ein kaum zu überschätzendes archtektonisches Denkmal. Es sind daran eine Fülle von sternförmigen und mehrteiligen Decken- und Torbögen, gemusterten Brüstungen, kleinen stilisierten Türmen, Schießscharten, Simsen, Steingürteln und sonstigen bautechnischen Details zu bestaunen.
Von Anfang an diente die Defensionskaserne Kronprinz zur Unterbringung von Elitetruppen des preußischen Heeres. Doch ab dem Jahr 1890, als die Errichtung des Befestigungsringes um Königsberg herum größtenteils abgeschlossen war, trat die taktische und militärische Bedeutung der Kaserne immer mehr in den Hintergrund. Die Geschütze der Kasematten wurden abmontiert und in andere Befestigungsanlagen verlegt, die Kasematten selbst wurden zu Unterkünften für die Mannschaften umgebaut. Ab 1933 waren in der Kaserne die Königsberger Polizei, die Wehrmachts-Zahlmeisterei sowie verschiedene Ressorts der Königsberger Stadtverwaltung untergebracht. Im Januar 1945, als die Front an Königsberg heranrückte, bezog eine Infanteriedivision der Wehrmacht Stellung in den Räumen der Kronzprinz-Kaserne. Auch war hier ein Teil des Königsberger Gefechtsstandes untergebracht.

Zwar war die Kronprinz-Kaserne während der Verteidigungskämpfe um und in Königsberg einer der militärischen Stützpunkte, doch spielten sich die entscheidenden Kämpfe abseits von ihr ab.

Nach der Einnahme Königsbergs durch die Rote Armee zogen als erste neue Bewohner die Reste eines sowjetischen Strafbataillons in die Kronprinz-Kaserne ein. Auch in den nachfolgenden Jahren stand sie nie leer. Nur einen richtigen Besitzer, der sie hätte pflegen können, hat die Kaserne in ihrer ganzen Nachkriegsgeschichte leider nie gehabt. Die zeitweiligen Nutzer lösten einander fortwährend ab, und auch heute ist es ein kunterbunter Haufen dutzender kleiner und mittelgroßer Firmen, die sich als Mieter eingenistet haben. Überall an den Mauern der Kaserne sieht man ihre Plakate hängen. Neben verständlichen, wie etwa "Einzel- und Großhandel", "Nahrungsmittel", "Südfrüchte" usw. gibt es darunter auch solche, die für den Passanten zunächst ein Rätsel sind, so beispielseise "Kriptus", "Norton" oder "Gepard".

Die Chance, die Kronprinz-Kaserne zu einer markanten Sehenswürdigkeit und Touristenattraktion der Stadt zu machen, ist bisher leider nicht wahrgenommen worden. Das historische architektonische Denkmal bedarf dringend Schutz vor weiterem Verfall. Nachdem das alte Wasserableitungssystem seinen Dienst versagt hat, werden die Kellerräume immer feuchter; einige sind wegen Überflutung schon jetzt nicht mehr zu gebrauchen. Das beinahe zweihundert Jahre alte Gebäude sieht immer ungepflegter und baufälliger aus. Kein Prinz würde sich so eine Krone aufsetzen wollen…

Avenir Owssjanow, Heimatforscher




Devisenkurse: 31. 10. 2018
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Quelle:Russ. Zentralbank