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Nachrichten aus Kaliningrad
Nr. 5 - Mai 2013 - 21. Jahrgang Montag, 20. Mai 2013 |
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Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Geschichte & Gegenwart
Stadt mit zwei Gesichtern
Nach der Zerstörung der alten Wahrzeichen schufen wir keine würdigen Symbole der neuen Zeit. Tower, Freiheitsstatue, Basilius-Kathedrale, Gediminas-Turm – das sind architektonische oder bildhauerische Wahrzeichen uns bekannter Städte.
Welches ist das Wahrzeichen von Kaliningrad? Die Bürger der Stadt sind sich bei der Suche nach der Antwort nicht einig. Man nennt den Südbahnhof, den Dom, den Siegesplatz, die ehemalige Börse, das Denkmal „Mutter Rußland“… Einige erinnern sich sogar an den zerstörten Turm des Königsschlosses. Die Meinungsvielfalt läßt den Schluß zu, daß die Stadt über kein bestimmtes Wahrzeichen verfügt. Wie nehmen die Einwohner von Kaliningrad und seine Gäste die Stadt – Häuser, Straßen, Grünanlagen, Denkmäler, die gestalterische Ästhetik und das Verhältnis zwischen der alten und neuen Architektur – wahr? Was kommt ihnen als einmalig und was als banal vor? Kaliningrad nach dem Krieg bestand aus riesigen Trümmerhaufen, Häusergerippen, einem Meer von zerschlagenen Backsteinen und umgewühlten Pflasterdecken… Straßen und ganze Stadtteile mußten von den Ruinen geräumt werden. Dabei wurden in der Stadt die zerstörten Gebäude, auf die wir vielleicht heute stolz sein und, vielleicht, die so bitter nötigen „Nostalgie“-Valuta verdienen könnten, mit beseitigt. Darüber wurde viel gesprochen und geschrieben, es schmerzt bis heute … An dieser Stelle muß man den Leser daran erinnern, daß unsere Stadt zwei Gesichter hat, ein „deutsches“ und ein „sowjetisches“. Darin besteht ihre Eigenartigkeit. Man muß bemerken, daß ein Nebeneinander der Reste des bezwungenen Königsbergs und des neuaufgebauten Kaliningrads nicht gelang. Durch diesen Umstand waren für lange Jahre viele Häßlichkeiten und Ungereimtheiten in dem architektonischen Erscheinungsbild der Stadt vorbedingt. Wir nahmen keine Rücksicht auf die Vergangenheit des Landes und ignorierten sogar die Besonderheiten seiner Natur und seines Klimas. Der traditionelle Backsteinbau, die Fundamente aus Naturstein und Granitmauern wurden verputzt oder mit Ölfarbe angestrichen. Pflastersteine, für Jahrhunderte verlegt, verschwanden auf vielen Straßen unter dem Asphaltbrei, der mehrmals gebrochen und wieder endlos geflickt wurde, diese sinnlose Arbeit dauert bis heute an. Barbarisch wurden Skulpturen und Denkmäler ausgeplündert, entstellt, enthauptet oder schlicht abgerissen. Die wenigen, die wie durch Wunder erhalten blieben, wurden wiederum übermalt. Die zerstörten Skulpturen wurden durch die eigenen, äußerst ideologisierten ersetzt, deren künstlerischer Wert ziemlich fragwürdig ist, das ist aber ein Kapitel für sich… Durchaus verständlich sind die Gesichtspunkte, nach denen deutsche Denkmäler vernichtet wurden. An was aber waren die Metallzäune, die nur einen ästhetischen Wert darstellten, schuld? Auch hier fanden sich Kämpfer gegen den fremden Einfluß, die befahlen, dieses schweigende „Unheil“ aus Metall abzureißen und zwecks Stärkung der Staatsmacht zu recyceln. Kaliningrader Dächer sind eine Sonderbesprechung wert. Ein Künstler machte mich darauf aufmerksam, daß rot- bzw. dunkelgefärbte Dachpfannen den Himmel, der bei uns für gewöhnlich mit Wolken überzogen ist, heller erscheinen läßt. Werden die Backsteinziegel durch graue Dachpfannen ersetzt, wirkt auch der Himmel dunkler und finsterer. Inzwischen beherrschen die billigeren grauen Dachpfannen die Kaliningrader Dächer. Die Ungeschicktheit in der städtischen Wirtschaft, die bis heute nicht so recht geordnet werden konnte, führte zu der paradoxen Situation, in der unsere kommunalen Betriebe sich laut darüber beklagen, daß unser Wasser die deutschen Wasserleitungen ausnage, daß unser Sch…ß die deutschen Kanäle verstopfe, daß unser Gas aus den deutschen Rohren ausbreche… Astronomische Summen werden zur Behebung von endlosen Leckagen, Durchbrüchen und Havarien zum Fenster heraus geworfen. Wäre das nur bei den kommunalen Betrieben der Fall? Alljährlich werden Zebrastreifen neu aufgetragen. Wo kamen aber die Metallbolzen hin, die im Asphalt zur Markierung versenkt wurden? Wäre es nicht sinnvoller, den Streifen mit weißem Beton abzugrenzen? Warum werden Häuser nicht mit Feinsplitt aus farbigem Marmor verschönert? Das würde doch Tonnen Ölfarbe und viele Bemühungen und Mittel einsparen. Die Stadt hat wenige Paradieseckchen. Diese sind im gleichen Maße paradisiesch wie vernachlässigt. Seit 50 Jahren geht der herrliche Park bei Sewernaja Gora (Quednau) zugrunde. Was soll’s? An dem, was man im Stadtzentrum am durch den Zoo fließenden Bach sieht, kann man erblinden und ersticken. Wagt man sich an die Werchneje See (Oberteich) am Bernsteinmuseum heran, trifft man auf Müllhaufen, eine zerstörte Brücke und einen geschundenen Bach. Selbst Touristen, die in Scharen kommen, können die zuständigen Behörden nicht dazu bewegen, diese Gegend in Ordnung zu bringen. Durch die Augen des bronzenen Lenins sehen wir uns die deutschen Gebäude an, die den Platz umstellen, und brechen zu dem breiten Leninskij Prospekt auf. Das Heiligtum, die Apotheose des sowjetischen Städtebaus! Die „Mutter Rußland“ richtet ihren Blick auf das Haus der Räte, das den Bürgern lange Zeit als ein Wahrzeichen von Kaliningrad aufgehalst wurde. So kamen wir auf das Thema zurück, mit dem der Artikel begonnen wurde. Es ist gefährlich, an Symbolen zu rütteln. Zudem ist die mächtige Frau, die Schöpfung des scheidenden Zeitalters, nicht einsam in unserer Stadt. Israil Gerschburg, Bildhauer |
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