Das Archiv des KÖNIGSBERGER EXPRESS
Stadt und Menschen
EIN NACHRUF
„Ruhe sanft, lieber Freund Juri!“
Im Juli 1994 endete plötzlich das Leben des Kaliningrader Schriftstelles Juri Iwanow.

„Uns vereint die Liebe zu diesem Land“, mit diesem Bekenntnis zu Ostpreußen habe ich Juri Iwanow bei einer Lesung seines Buches „Von Kaliningrad nach Königsberg“ im April 1992 kennengelernt. Er erzählte mir von „seinem Königsberg“ und ich ihm von meiner Heimat Ostpreußen. Beide haben wir aktiv den Zweiten Weltkrieg erlebt. Im Januar 1945 kam er als Angehöriger der Roten Armee nach Königsberg. Voller Haß beteiligte auch er sich an den Zerstörungen. Und er stellte sich die Frage, warum Deutschland das arme Rußland überfallen hat - ein Deutschland, in dem auch nach der Zerstörung Ostpreußens der Wohlstand noch deutlich erkennbar war.

Juri Iwanow, nicht sehr groß von Gestalt, mit langen weißen Haaren, die Augen immer in Bewegung, war stets zum Dialog bereit. Ich erzählte von meinen Kriegserlebnissen als deutscher Soldat in Rußland, auch von einer freundschaftlichen Begegnung. Und Juri erzählte mir von seiner Freundschaft mit einer jungen Ostpreußin in Königsberg 1946. Wir reichten uns die Hände, weil wir wußten, daß solche Freundschaften damals nicht erlaubt waren. Wir waren jetzt Freunde geworden.

Ich fragte Juri nach dem Zustand der einst blühenden Kulturlandschaft Ostpreußen. Mir standen die Zeilen von Agnes Miegel vor Augen, die sie 1946 aus dem Flüchtlingslager schrieb: „Ein Teil meines Herzens starb, als ich von Ostpreußen ging. Nur manchmal erwacht etwas. Und als ich neulich hörte, daß viele hundert russische Jungbauern hin sollten, habe ich zum ersten mal vor Freude geweint. Dann geht wieder ein Pflug über die wüsten Felder, in den leeren Dörfern werden Menschen wohnen, Kinder werden geboren und zwischen den Wiesen und Äckern spielen, Vieh wird brüllen, Hähne werden krähen und die Erde wird leben.“

Juris Antwort kam offen und ehrlich: „Hans, es gibt keine russischen Jungbauern, es gibt nur Kolchosbauern, die leben in Orten, weit trostloser als russische oder sibirische Dörfer, die Felder oft ungepflegt oder gar nicht bestellt, die Wiesen und Weiden versteppt.“ Ich mußte das Bild von einem fruchtbaren Land begraben. Den von Juri geschilderten Zustand fand ich in erschütternder Weise bestätigt, als ich im Mai 1992 erstmals wieder nach Königsberg kam. Der polnische Teil Ostpreußens kam mir dagegen wie ein Musterland vor.

Ich traf Juri bei der Einweihung des Kant-Denkmals vor der Universität, bekam eine Einladung zum Abendessen, lernte seine Frau Tamara und weitere Familienmitglieder kennen. Von da an gab es bei jedem Besuch in Königsberg ausführliche Gespräche über die aktuelle Lage, auch bei der Einweihung des „Deutsch-Russischen Hauses“ im März 1993. Diese Begegnungen fanden in Sommer 1993 ihre Fortsetzung auf der Kurischen Nehrung, wo ich zusammen mit meiner Frau 14 Tage in Juris Datscha in Pillkoppen Urlaub machen konnten. Wir praktizierten das „einfache Leben“, konnten die Wunderwelt der Kurischen Nehrung, die Ostsee und das Kurische Haff genießen.

Diese erholsamen und beeindruckenden Sommertage, ausgefüllt durch viele Gespräche mit russischen Gästen aus Juris Freundeskreis, konnten wir auch diesen Sommer fortsetzen, diesmal zusammen mit der ganzen Familie Iwanow. Juri war stolzer Urgroßvater geworden und freute sich an der Urenkelin Dascha. Seine deutschen und meine russischen Sprachkenntnisse waren erweitert, so daß wir intensive Gespräche führen konnten. Voller Tatendrang berichtete er mir von den fortschreitenden Arbeiten an der Renovierung des Königsberger Doms. Am 20. Juli besuchten wir gemeinsam Nidden. Juri führte er uns auf eine Düne bei Nidden, mit weitem Blick über die Nehrung, die tiefblaue Ostsee und das kurische Haff, und berichtete von seinem angefangenen Buch „Über die Kurische Nehrung“, für das er in den nächsten Stunden Skizzen anfertigen wollte.

Nach Pillkoppen zurückgekehrt, fanden wir noch einmal Zeit für ein tiefgehendes Gespräch, in dessen Verlauf er uns als gläubiger orthodoxer Christ, der er war, bat, für ihn zu beten. War dies eine Vorahnung? Gemeinsam fuhren wir zurück nach seinem „Kenigsberg“, eine Umarmung - daswidanija - Auf Wiedersehen. Am 22. Juli erhält er die ersten Exemplare seines neuen Buches, signiert das erste für seinen Schwiegersohn, bricht dann unvermittelt zusammen - Herzversagen, Tod. Juri Iwanow, Vorkämpfer für die Wiederentdeckung der ostpreußischen Geschichte, ist nicht mehr.

Gräfin Dönhoff schreibt in ihrem Nachruf: „Ein gewandelter Juri Iwanow hat als einer der Ersten schon in der Sowjetzeit gegen den Zerstörungswahn der ostpreußischen Kultureinrichtungen gestritten, es ist sein Verdienst, daß in Königsberg die Luisenkirche, der Dohna-Turm und die Domruine noch stehen, und daß letztere nun renoviert werden kann.“ Juri hatte in Königsberg seine Heimat gefunden, er liebte das Land ebenso wie wir. Er wußte, daß die Zukunft viele Probleme birgt, aber auch ebensoviele Möglichkeiten, sie gemeinsam zu lösen, getreu den Worten der auch von ihm so verehrten großen Dichterin, der Mutter Ostpreußens, Agnes Miegel: „Lehrtest mich täglich aufs neue / nichts als den Haß zu hassen.“

Uns ist Juri Iwanow als einfacher Mensch begegnet. Auf seinem letzten Weg bis zu seinem Grab konnten wir ihn begleiten. Meine Hand auf seine erkaltete Stirn legend, konnte ich ihm danken für seine Freundschaft und seinen Einsatz für die Verständigung mit Deutschland. Er hat seinen Teil dazu beigetragen, daß die Worte von Agnes Miegel „ ...daß Du, Königsberg, nie sterblich bist“ in Erfüllung gehen können. Wir werden Dich nicht vergessen, Juri Iwanow!

---Hans-Ulrich Karalus---




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Quelle:Russ. Zentralbank